Alkohol als Medikament

4. Juni 2003, 20:24
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Immer mehr Frauen trinken - Anton-Proksch-Institut richtet neue Frauenstation ein

Wien - Eine funkelnagelneue Abteilung offenbar zum richtigen Zeitpunkt: Am Donnerstag eröffnet das Anton-Proksch-Institut (API) in Kalksburg in Niederösterreich seine neue Frauenstation mit 66 Betten. "Der Alkoholismus bei Frauen hat sich in den vergangenen zehn Jahren verstärkt. Gab es früher eine Relation von alkoholkranken Männern zu Frauen von 4:1, liegt dieses Verhältnis laut jüngsten Erhebungen bereits bei 3:1", warnte API-Chef Prim. Dr. Rudolf Mader am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien.

Ältere Patientinnen

"330.000 Österreicher sind alkoholkrank. Ein Viertel davon sind Frauen. Das sind rund 82.000 Betroffene. Alkoholkranke Frauen sind mit einem Durchschnittsalter von 34 Jahren bei der Aufnahme bei uns um sieben Jahre älter als Männer. 25 Prozent haben Matura oder Hochschulabschluss. Die pathologische Trinkdauer bis zur Behandlung beträgt bei Frauen rund zehn Jahre und ist damit im Vergleich zu den 15 Jahren bei den Männern um ein Drittel kürzer", sagte Dr. Senta Feselmayer, Leiterin der Psychologischen Abteilung an dem Institut. API betreut pro Jahr rund 2.400 PatientInnen stationär und rund 8.500 ambulant. Sie ist damit die größte Suchtklinik Europas.

Alkohol als Medikament

Frauen trinken zumeist anders als Männer, auch wenn sie sich offenbar zunehmend ein negatives Beispiel an diesen nehmen, so Dr. Senta Feselmayer: "Sie setzen den Alkohol mehr als 'Medikament' ein. Sie steigen später ein, haben aber auch rascher gesundheitliche Probleme." Oft stecken Angststörungen, Depressionen, Schmerzen und/oder Kindheits-Traumen hinter dem vergleichsweise schnellen Rutsch in die Abhängigkeit. Deshalb müssten auch diese Störungen gemeinsam mit der Sucht behandelt werden.

Düstere Zahlen gibt es zur Verbreitung der Alkoholkrankheit in Österreich:

  • 43 Prozent der Patienten von "Kalksburg" haben alkoholkranke Eltern.

  • Knapp ein Fünftel der Behandelten hat einen alkoholkranken Partner.

  • Fast 100.000 Kinder leben in Österreich in Familien mit einem alkoholbhängigen Elternteil.

  • 250.000 Kinder haben Eltern mit einem problematischen Alkoholkonsum.

    Die Psychologin: "22 Prozent der Kinder aus Suchtfamilien übernehmen die Suchtform. Sie haben das achtfache Risiko, ebenfalls abhängig zu werden." Deshalb gibt es im Proksch-Institut künftig auch eine Mutter-Kind-Station. Die Kinder der Patientinnen werden dort im Sinn der Suchtprävention pädagogisch betreut, außerdem können sie zu den Müttern stabile Beziehungen aufbauen. (APA/DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5.6.2003)

  • Anton-Proksch-Institut
    Tel.: 01-880-10-600

    www.api.or.at

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