Passagiere verbrannten in ihren Abteilen

5. Juni 2003, 13:20
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Die Lokführer hatten keinen Chance - Nach schwerem Zugunglück in Spanien Kritik an Sparpolitik der Bahngesellschaft

Madrid - Die Lokführer hatten keinen Chance. Die Signale auf der einspurigen Strecke zeigten auf der Höhe des 3000-Seelen-Dorfes Chinchilla sowohl für den Personenzug Talgo, der von Madrid ins südostspanische Cartagena unterwegs war, als auch für den entgegenkommenden Güterzug freie Fahrt an. Der Zusammenstoß war unausweichlich.

Suche nach weiteren 22 Leichen

Die Containerwagons wurden regelrecht durch die Luft gewirbelt und zertrümmerten mehrere Wagen des Talgo. Fünf Menschen wurden sofort tot geborgen. Die Suche nach weiteren 22 Leichen in den völlig ausgebrannten und zertrümmerten Abteilen dauerte bis in den nächsten Tag. Insgesamt reisten 86 Personen im Schnellzug.

Der Güterzug, der normalerweise Säuren transportiert, war diesmal leer unterwegs. Die zuerst befürchtete Umweltkatastrophe blieb somit aus.

Weichensteller irrte Das schwerste Unglück der vergangenen dreißig Jahre heizt einmal mehr die Debatte über den Zustand des spanischen Schienenverkehrs aus. Die einspurige Strecke war nicht mit einem automatischen Bremssystem elektronisch gesichert. Alles hing vom Weichensteller ab. Nachdem dieser sich geirrt hatte, nahm das Unglück seinen Lauf.

Sparprogramm

Nicht nur in Sicherheitssystemen spart die spanische Bahngesellschaft Renfe. Auch die Strecken selbst sind in einem oft kritisierten Zustand. Vor dieser Katastrophe kam es alleine heuer zu zwölf Zugunglücken. Dabei kamen zwei Menschen ums Lebe, und Hunderte wurden verletzt.

Schlechte Qualität der Gleisanlagen

Vor allem der Talgo ist häufig von Unfällen betroffen. Er springt immer wieder aus den Gleisen. Schuld daran ist zum einen die schlechte Qualität der Gleisanlagen, Frost und Regen provozieren immer wieder kleinere Erdrutsche. Zum anderen stellte sich bei einem Unfall heraus, dass die Spurweite der Gleise sich verstellt hatte. Mangels Wartung wurde dieser Fehler erst entdeckt, als der Talgo aus den Schienen sprang.

Laut einem Bericht der Bahnbehörde reicht es längst nicht, die Gleise regelmäßig zu warten. Sie sind nach jahrelanger Sparpolitik in einem so schlechten Zustand, dass "ein Dringlichkeitsplan zur völligen Erneuerung" hermüsse. (Reiner Wandler aus Madrid, DER STANDARD Printausgabe 5.6.2003)

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