Die Wandlung des Skyrunners

Blog28. November 2011, 19:07
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Christian Stangl war eine öffentliche Figur, bis er den K2-Gipfelsieg "visualisierte"

Natürlich hätte Christian Stangl lieber nur über das Projekt gesprochen. Schließlich ist es kein Lercherlschaß, wenn einer die 21 höchsten Berge dieses Planeten besteigen will. Noch dazu, wo man nicht so genau weiß, welche Gipfel tatsächlich die sieben höchsten Berge hinter den bekannten Seven Summits und den 14 Achttausendern sind: Messgenauigkeit sinkt oft direkt proportional zum vermarktbaren Rekordpotenzial. Er werde also auf 26 oder 27 Gipfel kommen, sagt Stangl - um sicher zu gehen: "Ich kann mir keinen Fehler mehr erlauben."

Christian Stangl ist nicht nur Bergsportlern ein Begriff. Als "Skyrunner", der im Eilschritt die allerhöchsten Berge nahm, machte er Furore. Stangl war ein Held. Eine öffentliche Person. Niemand hinterfragte das. Man hofierte, zitierte, umschwirrte und posierte. Erst recht, als Stangl am 12. August 2010 behauptete, gegen 10 Uhr vormittags den Gipfel des K2 erreicht zu haben. Österreich jubelte.

Der Rest ist bekannt: Bergsteiger zweifelten. Stangl entgegnete, er sei eben alleine gewesen. Daher das "unpräzise" Gipfelfoto. Am Rückweg habe er eine andere Route genommen - und eben niemanden getroffen. Doch am 7. September musste der damals 44-Jährige zugeben, nie am K2 gestanden zu haben. Jetzt kannte ihn jeder: Die Rechtfertigung, er habe so unter Druck gestanden, dass er den Gipfel "visualisiert" habe, wurde zum geflügelten Wort: "Visualisieren" gilt bis heute als Ausdruck dafür, Ziele nicht erreicht zu haben - aber doch so zu tun.

Totalabsturz

Stangl stürzte tief. Auch seine anderen Erfolge wurden nun angezweifelt. Und da man seine Glaubwürdigkeit nur einmal verlieren kann, war es egal, was der gefallene Skyrunner vorbrachte. "Ich war am Ende. Am Boden. Ich wollte nicht mehr", sagt Stangl heute. Die Krise war persönlich und existenziell. "Lebensmüde" hieß es. Er selbst sagt: "Es war fürchterlich - und dauerte ein Dreiviertel Jahr: Sowas steckt man nicht weg."

Stangl erlebte, wie mediales Meute- und Hatzverhalten funktioniert: Die, die ihn zuvor am lautesten und unkritischsten gefeiert und bejubelt hatten, hatten auch beim Hintreten die wenigsten Hemmungen. Erst recht, als er am Boden lag. So, als wollten sie davon ablenken, einem Scharlatan aufgesessen zu sein: "Je weniger Bezug die Schreiber zum Berg, zum Bergsteigen oder zu Extremsituationen hatten, umso gnadenloser war ihr Urteil."

"Nicht entschuldbar"

Das, betont Stangl heute, solle aber nicht davon ablenken, "dass es zu 100 Prozent mein Fehler war. Die Lüge ist nicht entschuldbar. Die Strafe war und ist hart." Denn dass er nie wieder ohne die Frage "und in echt?" erzählen können werde, sei ihm klar. "Meine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, ist absolut legitim." Doch Stangl betont, seine Lektion mehr als gelernt zu haben.

Dass Medien Helden brauchen und wollen, lasse er heute nicht mehr zu seinem Problem machen - genauso wie andere Medien-Zwänge: Die Sehnsucht nach sinnlosen Superlativen. Den Wahn, stets ein noch drastischeres Präfix voranzustellen. Das Vergleichen von Dingen, die nicht vergleichbar sind. Die Sucht nach der ultimativen Verknappung komplexer Zusammenhänge und Abläufe. Oder den Zwang, zu vereinnahmen. "Ich stand unter enormem Druck. Aber ich spiele nicht mehr mit", so Stangl

Die Vermessung der Welt

So sei auch sein aktuelles Projekt zu verstehen: Dem inflationären Run auf die 14 großen Gipfel, setze er ganz bewusst die Rolle des Forschers und Vermessers entgegen. Saulus wurde zum Paulus: Die Vermessung der Welt ist nicht abgeschlossen - sogar bei den "dritthöchsten" Seven Summits gäbe es Ungereimtheiten. Obwohl Forscherteams seit Jahren an dem Thema arbeiten. "Ich will und werde meinen Teil dazu beitragen", erklärt Stangl. Gipfelfotos werde er machen - aber "viele dieser Berge sind so selten bestiegen, dass andere Bergsteiger wohl erst in ein paar Jahren Vergleiche ziehen werden können." Stangl zieht als Hi-Tech-Datensammler los: Auswertung und Interpretation überlässt er anderen.

Seine Wandlung will Stangl nicht als Kritik an bergsteigenden Kollegen und Kolleginnen verstanden wissen: Die Kritik derer, die "alle für sich großartiges leisten" sei "scharf, hart und berechtigt" gewesen - aber nie in Häme umgeschlagen. Und vor allem der blinde Bergsteiger Andi Holzer "hat mir gesagt und gezeigt, dass Liegenbleiben falsch wäre".

Aufgerappelt, sagt Stangl, habe er sich dann im Frühjahr. Im Mai 2011 sei er auf dem 8586 Meter hohen Kanchenjunga gestanden. "Ohne Medien. Ohne Remmidemmi." Das zeige, dass es auch anders geht. Ohne Hektik und Hysterie - und ohne Schulterklopfer und Applaus-Trittbrettfahrer. Und ohne die Superlative. Denn eines gelte für die Gipfel der Welt ebenso, wie für jeden Menschen: "Extreme sind rasch ausgelotet. Aber abseits davon gibt es viel zu finden und zu erforschen."(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 28.11.2011)

Infos:

Am 25.12. 2011 bricht Christian Stangl zu seiner nächsten Expedition auf. Mit Hans Kammerlander und Robert Miller will er den Mount Tyree besteigen: Bisher nimmt man an, dass der zweithöchste Berg der Antarktis 4892 Meter hoch ist.

Website: skyrunning.at

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Christian Stangl (im Hintergrund der K2) betont heute, "dass es zu 100 Prozent mein Fehler war. Die Lüge ist nicht entschuldbar."

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