"Soziale Lage" entscheidet über Bildungsweg

24. November 2011, 12:54
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Arbeiterkammer: Kinder von Geringverdienern seltener in Gymnasium - Kinder von Zugewanderten besonders stark betroffen

"Wir müssen auf viele Begabungen verzichten", sagt Gabriele Schmid, Leiterin der Abteilung Bildungspolitik der Arbeiterkammer Wien, bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Die Arbeiterkammer hat in einer Studie des Österreichischen Instituts für Bildungsforschung untersuchen lassen, inwiefern sich Einkommen, Herkunft und Bildungsgrad der Eltern auf den Bildungsweg der nächsten Generation auswirkt. Dabei entscheidet vor allem die soziale Benachteiligung über den Bildungsweg.

"Je weniger Eltern verdienen, desto eher kommen ihre Kinder in die Hauptschule und danach in eine Handels- oder Fachschule oder in eine Lehre", so Schmid.

Einkommen entscheidet über Bildungsweg

In der vierten Klasse Volksschule macht der Anteil der Kinder, deren Familien weniger als 1501 Euro zur Verfügung haben noch 25 Prozent aus, danach wirkt sich das Einkommen auf den Bildungsweg aus. In der 4. Klasse Hauptschule macht der Anteil derjenigen, deren Eltern weniger als 1501 Euro verdienen, 34 Prozent aus, in der 4.Klasse AHS fallen in die gleiche Gruppe nur 13 Prozent (siehe Tabelle).

Trotz bester Leistungen kämen so viele SchülerInnen nicht auf ein Gymnasium, wenngleich Schmid betont, dass das Gymnasium "nicht zwangsläufig das beste Schulsystem, aber der Weg zur Matura" sei.

Schultyp Einkommen bis 1500 €
Einkommen 1.501-2400 €
Einkommen über 2400 €
4. Klasse VS
25%
35% 40%
4.Klasse HS
34% 36% 30%
4.Klasse AHS
13% 31% 56%
5.Klasse AHS
15% 28% 56%
1. Klasse BHS
23% 37% 40%
1.Klasse BMS
30% 40% 30%
Lehre 37% 26% 37%

Tabelle: Bildungswege nach Familieneinkommen

Vor allem Eltern mit Zuwanderungshintergrund fallen in die Gruppe der Geringverdiener. Bei den in der Studie befragten Familien, die unter 1500 Euro zu Verfügung haben, kamen fast drei Viertel der Eltern aus dem früheren Jugoslawien oder der Türkei.

Diese Verknüpfung von geringem Einkommen und Zuwanderungshintergrund wirkt sich auf die Bildungswege der Kinder aus. So sind sechs Prozent der Kinder in der 4. Klasse Volksschule türkischer Herkunft. In der 4. Klasse Gymnasium sind es nur mehr ein Prozent. Der Anteil der Kinder, deren Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien kommen, sinkt von fünf Prozent in der Volksschule auf zwei Prozent in der 4. Klasse Gymnasium.

Wunsch und Wirklichkeit

Diese Bildungswege - ob durch Einkommen oder Herkunft bestimmt - entsprechen jedoch nicht den Wünschen der Eltern. Jene Eltern, die Pflichtschulabschluss haben, wünschen sich zu 54 Prozent, dass ihre Kinder zumindest die Matura machen, Akademikereltern wünschen sich dies zu 90 Prozent.

Schultyp Zumindest Lehre/Mittlere Schule
Zumindest Matura
Eltern mit höchstens Pflichtschulabschluss
34%
54%
Eltern mit Lehrabschluss oder Mittleren Schulabschluss
42% 51%
Eltern mit Matura
16% 82%
Eltern mit Uni- oder FH-Abschluss
8% 90%

Tabelle: Welchen Bildungsabschluss Eltern für ihre Kinder wünschen.

Noch stärker ist der Wunsch nach einem höheren Bildungsabschluss für ihre Kinder bei den Eltern, die aus dem ehemaligen Jugoslawien oder aus der Türkei kommen. Von den Eltern, die ihre Herkunft im früheren Jugoslawien haben, und über einen Pflichtschulabschluss verfügen, wünschen sich 64 Prozent, dass ihr Kind zumindest Matura macht. Eltern türkischer Abstammung, die über einen Pflichtschulabschluss verfügen, wünschen sich zu 67 Prozent, dass ihre Kinder zumindest Matura machen.

"Soziale Lage" bedingt weitere Bildung

Die Arbeiterkammer fordert nun Maßnahmen, "damit mehr Kinder als bisher in Österreich weiterführende Abschlüsse bis zur Matura machen können", so Schmid. So soll ein flächendeckendes Sofortprogramm die Leseförderung erhöhen, Mathematik gezielt gefördert werden und "gezielte Unterstützungsangebote" den Eltern am Ende der vierten Klasse Volksschule geboten werden.

Eine "zeitgemäße Schule" müsse sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren "und nicht an den Möglichkeiten der Eltern, ihr Kind zu unterstützen". Deswegen fordert die AK Wien eine "Konzentration der Finanzmittel auf die Zusammenführung und Zusammenarbeit von Neuer Mittelschule und Unterstufe der Gymnasien". Sonst fänden Talente über die Hauptschule keine Wege. Denn: "Die soziale Lage bedingt die Möglichkeit zu weiterer Bildung", sagt Schmid. (seb, derStandard.at, 24.11.2011)

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