Das Ende der Mail (nicht so schnell)

Kolumne24. November 2011, 07:53
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Der Klammeraffe (sagt das noch jemand zum @-Zeichen?) steht auf der roten Liste

Der Klammeraffe (sagt das noch jemand zum @-Zeichen?) steht auf der roten Liste. 40 Jahre, nachdem Ray Tomlinson die erste E-Mail unter Verwendung eines @-Symbols über ein Netzwerk verschickte, geht der Gebrauch von E-Mail zurück.

Facebook

Die Generation Facebook kommuniziert lieber über Direktnachrichten in ihren sozialen Kreisen, die Generation Blackberry über den BBM (den integrierten Messaging-Dienst, der im Zusammenhang mit den Londoner Unruhen zu unrühmlicher Bekanntheit kam), die Generation iPhone und iPad neuerdings über iMessage. Und lange davor haben die Jungen eine affenartige Behändigkeit beim SMSen auf Handys mit Ziffernblock entwickelt.

Unternehmen zweifeln an E-Mail

Nicht nur private Gewohnheiten sind im Umbruch, auch Unternehmen zweifeln an E-Mail. Henkel verordnet seinen Mitarbeitern großzügig E-mail-freie Weihnachten, was als neue Form freiwilliger Sozialleistung gesehen wird. In manchen großen Firmen werden Chatsysteme zur internen Kommunikation bevorzugt (hinterlässt bei Skandalen weniger Spuren). IT-Berater Atos will die "unproduktive" E-Mail in den nächsten Jahren gleich ganz abschaffen und am liebsten auch seine Kunden davon überzeugen.

Tonnen an cc:s und bcc:s

Es stimmt, vieles an E-Mail scheint unproduktiv: Vom ewigen Hin und Her, den Tonnen an cc:s und bcc:s, die sicherheitshalber, aber oft unnötig verschickt werden, bis zu Bergen an Rundmails, die zwar legitim, aber überflüssig sind. Interessanterweise ist dank guter Filter richtiger Spam weitgehend aus den Augen vieler Benutzer verschwunden, wenn auch nicht von den Servern.

Aber nicht so schnell mit den Nachrufen. Die zahlreichen Messaging-Dienste, die vom Smartphone-Boom geschürt werden, werfen uns in die Zeit zurück, als Nachrichten nur innerhalb jeweils geschlossener Systeme weitergingen - wie Compuserve, AOL oder einer gemeinsamen Firmen-Infrastruktur.

Universalität

Der Fortschritt von E-Mail war die Universalität, und darin glänzt sie noch heute. Viele User bekommen ihre Direktnachrichten aus sozialen Netzwerken über eine Weiterleitung an ihre Mailbox, statt sich mit ständig unterschiedlichen Plattformen herumzuschlagen. Auch Antworten funktionieren so: Ein Antwort per E-Mail, die in eine Facebook-Nachricht übersetzt wird, und schließlich wieder als Mail ankommt landet: reichlich komplizierte Zirkularität.

E-Mail hat auch andere Funktionen übernommen: Kennungen bei Websites oder Onlineservices beruhen auf der E-Mail-Adresse; vergessene Passwörter oder Authentifizierungen bei Neuanmeldungen werden über E-Mail abgewickelt.

Smartphones

Die Herausforderung für die Entwickler von Mail-Clients und Smartphones liegt jetzt darin, diese Universalität so zu entwickeln, dass für die Benutzer eine Nachricht eine Nachricht eine Nachricht ist - und unsere Gadgets den dazupassenden Kanal verwenden, ohne dass wir einen Gedanken daran verschwenden müssen: Das wäre dann quasi E-Mail 2.0. (PERSONAL TOOLS, HELMUT SPUDICH, DER STANDARD Printausgabe 24. November 2011)

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