"Junge werden zu kurz gehalten"

22. November 2011, 18:12
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Rewe-Chef Frank Hensel fordert neue Gehaltsstrukturen im Handel

Wien - Frank Hensel sieht auf den Einzelhandel ernste Nachwuchsprobleme zukommen: Finanziell zu kurz gehalten würden die Jungen, während ältere Beschäftigte von automatischen Gehaltssprüngen über die Maßen profitierten. Österreich benötige aus Sicht des Chefs der Rewe dringend neue Tarifstrukturen. Das sei wichtiger als jeder Prozentpunkt mehr bei den Löhnen. Die Einstiegseinkommen gehörten attraktiver gestaltet - es sei paradox, dass viele erst kurz vor ihrer Pensionierung unabhängig der Leistung gut verdienten.

Mehr kosten dürften höhere Gehälter für Junge den Unternehmen unterm Strich freilich nicht - es ist der Knackpunkt, an denen sich in der Vergangenheit alle Reformversuche der Sozialpartner spießten. Es müsste kostenneutral bleiben, fordert Hensel, "es geht hier aber nicht darum, Älteren etwas wegzunehmen, sondern um eine Umschichtung." Ihre Gehaltssprünge sollten flacher ausfallen. "Die Automatismen müssen aufhören."

Gesamtreform des KV

Hensel ist mit seiner Forderung nicht allein. Stephan Mayer-Heinisch, Präsident des Handelsverbands, spricht sich seit langem für eine Gesamtreform des Kollektivvertrags aus, die auch flachere Lebenseinkommenskurven beinhalten soll. Bei der Gewerkschaft erntet ihr Ansinnen jedoch wenig Gegenliebe. Ein reines Nullsummenspiel für die Arbeitgeber gebe es dabei nicht, so der Tenor. Die Gehälter älterer Handelsmitarbeiter seien so schmal, dass keine finanziellen Abstriche drinnen seien.

Was die laufenden Verhandlungen um den Kollektivvertrag betrifft - diese Woche startet ein neuer Anlauf - so kann ihnen Hensel in ihrer bestehenden Form nichts abgewinnen. Zumal für die Bewertung des neuen Lohnabschlusses die Inflationsraten der vergangenen zwölf Monate herangezogen werden. Dass Regelungen für die Zukunft auf Basis alter Daten getroffen würden, sei bedenklich.

Kein Problem hat der Chef des größten Handelskonzerns Österreich mit dem Wunsch der Arbeitnehmer nach einer Anrechnung der Karenzzeit als Berufsjahre: Re-we trage das finanziell sicher mit. Denn es sei vor allem strukturell bedingt, dass Frauen im Schnitt weniger verdienten als Männer.

"Politischer Skandal"

An Kritik an der Politik sparte Hensel am Dienstag im Klub der Wirtschaftspublizisten nicht. Europa stünde derzeit nicht vor einer Eurokrise, sondern vor einer politischen. Und diese hätte sich bewältigen lassen, hätte die Politik früher reagiert. So aber seien eineinhalb Jahre verstrichen, ehe sie sich auf einen Schuldenschnitt einigte. "Ein politischer Skandal."

Österreich werde sich den Folgen der Krise nicht entziehen können, sagt Hensel und erwartet ein extrem schwieriges Jahr 2012. Die Arbeitslosigkeit werde langfristiger steigen als zuletzt. "Wir müssen sparen." Hensel sieht Rewe jedoch gut auf das harte Umfeld vorbereitet. Allein beim Diskonter Penny räumt er Fehler ein. Zu sehr sei der Focus auf Eigenmarken, zu wenig auf Österreich ausgerichtet gewesen. Mittlerweile jedoch hole Penny verlorene Marktanteile zurück. Tochter Adeg hat Jahre der herben Verluste hinter sich. Nun sei ihre Integration beendet, für 2012 verspricht Hensel Gewinne. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 23.11.2011)
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