Flüchtende, Flüchtige und Fluchende

Leserkommentar24. November 2011, 13:11
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Vielleicht kommt die jetzige Scheu einer gewissen Generation vor heutigen Flüchtlingen aus unverarbeiteten Erinnerungen aus der NS-Zeit?

Dass es Kontinuitäten aus der Zeit des Nationalsozialismus gab, an die noch keiner gedacht hat - oder die zumindest bisher nicht öffentlich diskutiert wurden - konnte man sehen, als die inzwischen alten Kinder aus Kinderheimen wie dem am Wiener Wilhelminenberg über ehemalige SS-ler als Erzieher sprachen. "Erzieher", die zusätzlich zu anderen sadistischen Handlungen auch noch sexuelle Gewalt an Kindern ausgeübt haben sollen. Ein Blick in die Vergangenheit tut sich auf: Was ist wohl dann in der Zeit des Nationalsozialismus selbst mit Kindern in Heimen passiert? Und was für Kontinuitäten gibt es noch, außer den bereits wissenschaftlich gut erforschten wie z.B. zu den Kontinuitäten in der Justiz?

In Deutschland wurden Kinder aus so genannten "Flüchtlingslagern" des Zweiten Weltkrieges noch bis Ende der 60-er, Anfang der 70-er Jahre mit der Diagnose "sozialer Milieuschaden" in Heime verfrachtet. Vertriebene aus den Ostgebieten, Ausgebombte, aus verschiedenen Gründen Flüchtende wurden damals ebenfalls "Flüchtlinge" genannt. Am Hamburger Flughafen existierte so ein "Flüchtlingslager" mit "Nissenhütten" aus Wellblech*. Mit der Ermordung Salvador Allendes 1973 kam dann bereits, kurz nachdem die Menschen aus den Weltkriegs-Lagern endlich in den sozialen Wohnbau hinein übersiedelt worden waren, die Flüchtlingswelle aus Chile.

Unverarbeitete Erinnerungen?

Vielleicht kommt die jetzige Scheu einer gewissen Generation vor Flüchtlingen aus all diesen unverarbeiteten Erinnerungen? Es gibt auch andere, bekanntere Verbindungen: Wegen der jüdischen Flüchtlinge vor den Nazis wurde z.B. das erste Mal eine Visumspflicht für verschiedene Länder installiert und nur bestimmte Berufsgruppen durften ausreisen - nach England durften außer einigen Fachkräften und Kindern allein Dienstmädchen und die auch nur nach Anforderung einwandern. Trotz Todesbedrohung! "Die Konferenz von EVIAN 1938 begründete die moderne Flüchtlingspolitik", sagte einmal eine Dame von der Theodor Kramer Gesellschaft auf einer Konferenz.

Wie stark die unbewussten Verbindungen sein könnten, bewies auch der Sager der ehemaligen Innenministerin Maria Fekter "von den Reichen", die "wie die Juden" angegriffen werden würden. Nach Profil-Recherche** ist Fekter mit einem ehemaligen Flüchtlingskind verheiratet, der vor der Öffentlichkeit mit einer Ministerin verheiratet zu sein, erfolgreich flüchtet. Dass Maria Fekter jetzige Flüchtlinge besonders scharf verfolgt hat, wird wohl niemand abstreiten.

Die verdrängte Geschichte aller dieser Menschen und vor allem der Kinder, die im Zweiten Weltkrieg in alle möglichen Richtungen flüchteten - inklusive der Traumata, die dahinter liegen - und auch derer, die es nicht schafften, weg zu kommen, gehört verstärkt "gelüftet" und bearbeitet. Und die grausigen Traditionen der elenden Kinder-Quälerei (Fürsorgemodell, Sadismus, "Herrenmenschentum"...) im Schloß am Wilhelminenberg wissenschaftlich untersucht und der Öffentlichkeit näher gebracht. (Leser-Kommentar, Kerstin Kellermann, derStandard.at, 24.11.2011 )

Quellen

*„Heime heilen? Größter Quatsch!" Interview mit dem ehemaligen Chefarzt der Suchtabteilung der Psychiatrie in Hamburg Ochsenzoll, Bert Kellermann. Augustin 308 vom 2. 11. 2011
** „Innenansicht: Maria Fekter im Porträt", von Edith Meinhart, Profil vom 23. 10. 2010

Autorin

Kerstin Kellermann, ist freie Journalistin in Wien. Diplomarbeit zum Thema : „Wie man mit den Opfern des 'Anschlusses' 1938 umging ---: ein Vergleich der Berichterstattung zum Gedenkjahr 1988 in Kärntner und slowenischen Printmedien", Ljubljana/Salzburg 1990; www.kerstinkellermann.com

  • Mahnmal für alle im "Dritten Reich" Deportierten und Ermordeten auf dem Campus der Universität Kassel am Holländischen Platz
    foto: paul kellermann

    Mahnmal für alle im "Dritten Reich" Deportierten und Ermordeten auf dem Campus der Universität Kassel am Holländischen Platz

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