Sammler der Erinnerung

18. November 2011, 18:59
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Im angelsächsischen Raum und in Frankreich gilt er heute als einer der wichtigsten deutschen Dichter: W. G. Sebald (1944-2001)

Vor zehn Jahren, am 14. Dezember 2001, kam W. G. Sebald bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Unweit seines Hauses im englischen Norfolk war sein Wagen mit einem Lkw kollidiert. Seine Tochter Anna, die am Beifahrersitz saß und schwer verletzt wurde, berichtete später, ihr Vater hätte am Steuer einen Herzinfarkt erlitten.

Zum Zeitpunkt seines Todes befand sich der Ruhm des 1944 im Allgäu Geborenen in einem Höhenflug, der bis heute anhält. Besonders im angelsächsischen Raum, aber auch in Frankreich gilt Sebald als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller nach 1945. Dass die internationale Verehrung für den Dichter neben der Literaturwissenschaft auch im Bereich des Films und der Oper ihre Blüten treibt, liegt sicher nicht nur daran, dass, wie Will Self provokativ argumentierte, der sich am Holocaust und der Schuld der Deutschen abarbeitende Sebald als moralisch überlegener "guter Deutscher" bewundert werden kann. Primär ist es wohl schlicht seinen Texten zuzuschreiben, die einerseits zugänglich, andererseits so voll von wunderlichen Rätseln scheinen.

Zugänglich bedeutet hier auch überschaubar. Sebald, der seit 1970 an der University of East Anglia in Norwich lehrte und sich in seinen wissenschaftlichen Texten besonders mit der österreichischen und alemannischen Literatur beschäftigte, betrat mit dem "Elementargedicht" Nach der Natur erst 1988 die literarische Bühne. Es folgten die je vier Erzählungen umfassenden Werke Schwindel.Gefühle und Die Ausgewanderten, sowie den Reisebericht Die Ringe des Saturn und Austerlitz, das von der Suche eines Mannes nach seiner Herkunft berichtet. Posthum wurde neben kürzeren Texten und Fragmenten mit Über das Land und das Wasser zudem noch eine Sammlung von Gedichten veröffentlicht.

Wiewohl man Austerlitz als den einen Roman Sebalds bezeichnen könnte, so greift diese Auffassung doch zu kurz. Tatsächlich handelt es sich um ein äußerst homogenes, sich jeder Klassifizierung entziehendes OEuvre, dessen Teile allesamt mit einander in Bezug stehen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn etwa Patti Smith auf ihrer Liste essenzieller Bücher neben Werken von Hesse, Rimbaud oder Camus schlicht "anything" von W. G. Sebald setzt. Zumal sich diese Empfehlung bei den meisten Lesern aufgrund einer durch die vielen von Sebald gelegten Fährten geweckten Forsch- und Denk-lust wohl bald in ein "everything" wandelt und auch Sebalds wissenschaftliche Texte einschließt, die sich im Lauf der Jahre dem literarischen Werk immer stärker annäherten. Eine bewusste Strategie des Dichters, der, stets darum bemüht, in Literatur einen Sinn zu finden oder zu pflanzen, seinen Leser zu aktivieren suchte.

Der erste Köder, den Sebald auslegt, ist sein beständiges Spiel zwischen Fakt und Fiktion. Dieses betreibt er am augenfälligsten mit der Hilfe von Fotos, die in seine Texte eingearbeitet sind. Allzu augenscheinlich scheinen sie die Authentizität des Geschilderten zu bestätigen, mitunter aber auch infrage zu stellen. Zudem sind der Autor W. G. Sebald und sein Erzähler nahezu deckungsgleich.

Dieser Erzähler-Ich ist stets ein melancholischer, kurzzeitig seiner alltäglichen Pflichten enthobener Reisender, dem durch Personen oder Anblicke Geschichten entgegentreten, die zumeist um die Themen Heimatlosigkeit und Auslöschung kreisen. Trotz ihrer vorherrschenden Grundthematik werden die Texte so von einer Fülle an Ideen geprägt, die dem Werk im Zusammenspiel mit Sebalds poetischem Sprachduktus Leichtigkeit geben, ihn zugleich aber auch nie sein Ziel aus den Augen verlieren lassen. Ein Ziel, dessen mögliches Verfehlen den Dichter mit beständiger Versagensangst erfüllt, wodurch die Arbeit zu seinem inneren Unfrieden immer sowohl Gegenmittel wie auch Treibstoff ist.

Sebalds Streben war in einem Unbehagen begründet, das in seiner Herkunft als Kind der Täternation wurzelte. Seine ihm eigene Melancholie führte er unter anderem auf das Schockerlebnis der Bewusstwerdung der deutschen Kriegsverbrechen und der fehl- geleiteten Form der Vergangenheitsbewältigung, welche ihre Kraft nicht in Trauerarbeit, sondern in den Wirtschaftsaufschwung steckte, zurück. Seine einst so idyllisch wahrgenommene Heimat war ihm unheimlich, die glückliche Kindheit zur Lüge geworden, die Emigration für Sebald die logische Folge. Seine ihm zu deutschen Vornamen Winfried und Georg legte er ab, ließ sich fortan nach seinem dritten Vornamen Max nennen. Als Autor behielt er die Initialen, um so an seiner Form der Gedächtnisliteratur zu schreiben.

Zur Methode wählte sich Sebald dafür die der Bricolage. Dieser von Claude Lévi-Strauss geprägte Begriff bezeichnet das Basteln mit Fundstücken, also mit Objekten, die zufällig, noch ohne Bestimmung in den Besitz des Bastlers gelangt sind und deren Zusammenhang erst herzustellen ist. Die Objekte, die Sebald für seine Bastelarbeit vorwiegend benützte, waren Fotos, wahre Begebenheiten und Werke der Literatur, Musik und bildenden Künste. Die Erfindung kam für Sebald nur auf der Ebene der Details ins Spiel, um einen Realitätseffekt zu erzielen. Für seine Verehrer macht das Zerlegen der Texte in ihre zuordenbaren Elemente einen großen Teil ihrer Faszination aus, für ihren Schöpfer hatte diese Arbeitsweise jedoch mehrere Gründe.

Zunächst sollte das Werk der Wirklichkeit entsprechen. Besonders im Zusammenhang mit dem Holocaust war es Sebald wichtig, nicht zu trivialisieren und schwarz-weiße Klischeebilder zu vermeiden. So adaptierte er in Die Ausgewanderten die Geschichte seines Lehrers, der als Dreiviertelarier im Dritten Reich nicht unterrichten durfte, aber problemlos an die Front geschickt werden konnte. Das Aufgreifen von konkreten Begebenheiten war Sebald wichtig, um Geschehnisse als tatsächliche Lokalhistorie identifizierbar zu erhalten. Sebalds Alben wurden zu Orten der Erinnerung, wider die Vergessenskultur der Nachkriegszeit.

Auf einer weiteren Ebene bedeutet das Sammeln und Basteln auch ein Ordnen. Der Schriftsteller reagiert damit auf eine Welt, die ihm in ihrer Komplexität so rätselhaft erscheint, dass es dringend eines Hilfsmittels bedarf, um den Verstand zu bewahren. Gesichert scheint nur die Existenz unerklärlicher Zusammenhänge. Diesem Umstand trägt Sebald sowohl mit der Struktur seiner an Verweisen dichten Texte Rechnung als auch mit den oft allzu unwahrscheinlichen Begebenheiten, die seine Erzählungen prägen.

Schließlich ist das Wühlen nach brauchbarem Material in den Augen Sebalds die passende Vorgehensweise für einen Angehörigen Nachkriegsdeutschlands. Das prägende Erlebnis für jene Generation ist seiner Meinung nach das Leben in den Trümmern der von den Alliierten zerstörten Städte. Jene Bombenangriffe und ihre fehlende literarische Aufarbeitung sind auch das zentrale Thema seines kontrovers diskutierten Essays Luftkrieg und Literatur.

Während der Literaturkritiker Sebald mitunter Schriftsteller, die ihm (moralisch) missfielen, scharf abkanzelte, dominiert im Werk des Autors Sebald die Ehrerbietung gegenüber den von ihm als Leidensgenossen betrachteten Literaten und Exilanten. Wenn die Barke von Kafkas Jäger Gracchus durch mehrere Erzählungen treibt, Sebalds Erzähler bei einem Besuch im Haus von Michael Hamburger mit dem befreundeten Lyriker zu verschmelzen meint oder eine Passage Hebels Kalendergeschichten entsprungen zu sein scheint, dann handelt es sich um seine Art, vor den auf ähnlichen Wegen Wandelnden "gewissermaßen den Hut zu lüften".

Wie seine Figuren, so betrachtete Sebald sich selbst als Wanderer, Sinnbild des Heimatlosen, andererseits Flaneur mit Blick für das Verborgene. Dass dieser mit 29 einem Freund schrieb, dass "schon der halbe Faden abgewickelt" sei, und 28 Jahre später tatsächlich in einem Auto auf dem Weg nach Hause sterben sollte, ist eine jener rätselhaften Tragödien, wie sie W. G. Sebalds gesamtes Schaffen durchwirken. (Dorian Waller / DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.11.2011)

  • Ein im Unbehagen begründetes Streben: W. G. Sebald, der vor zehn Jahren bei einem Unfall starb.
    foto: standard / christian fischer

    Ein im Unbehagen begründetes Streben: W. G. Sebald, der vor zehn Jahren bei einem Unfall starb.

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