Die Irrtümer der Bildungspharisäer

Kommentar der anderen11. November 2011, 18:46
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Das Androsch-Volksbegehren als Indikator für den fortschreitenden Realitätsverlust in der Bildungsdebatte - Von Konrad Paul Liessmann

Trotzig versuchte der Proponent zu retten, was nicht mehr zu retten ist: Das soll uns erst einmal einer nachmachen! In der Tat: Für ein Anliegen, das von den Sozialpartnern mit der Industriellenvereinigung an der Spitze, von der zuständigen Ministerin, von zahlreichen Organisationen und Institutionen, von noch zahlreicheren Prominenten und von fast allen Medien des Landes lauttönend unterstützt wurde, gerade einmal 6 % der Wahlberechtigen zu mobilisieren - das muss einem erst einmal gelingen. Und sich dann noch darüber zu freuen, dass im ersten Wiener Gemeindebezirk gar 28 % unterschrieben haben, zeugt noch einmal von jenem dramatischen Realitätsverlust, der die Bildungsdebatte insgesamt kennzeichnet. Die in der Innenstadt konzentrierten Eliten, die ihre Kinder auf humanistischen Gymnasien, in teuren Privatschulen und an ausländischen Universitäten gut aufgehoben wissen, begehren für das Volk Gesamt- und Ganztagsschulen, das Ende des Sitzenbleibens und eine Lehrerausbildung, die zur endgültigen Dequalifizierung dieses Berufsstandes führen würde. Darüber hinaus berauschen sie sich an der Rhetorik der Gerechtigkeit und der Fairness, schwärmen von Integration und Inklusion und träumen von einer Schule, die alle Defizite dieser Gesellschaft ausgleichen und alle Übel dieser Welt beseitigen wird. Und natürlich sollen dabei junge Menschen genau das lernen, was die Wirtschaft brauchen wird, aber alle werden ihre Talente entfalten können, und fast alle werden einen akademischen Abschluss bekommen. Wenn die Eliten so genau wissen, was das Volk begehren soll, wird das Volk zurückhaltend. Die sozial deklassierten Schichten aus den Rand- und Arbeiterbezirken, die nach gängiger Lehre ja nach Bildung gieren sollten, haben ebenso wenig unterschrieben wie Menschen aus jenen Regionen, die mit ihren Schulen offenbar zufrieden sind.

Alle wirklichen Konfliktzonen im Bildungsbereich hat das Volksbegehren, zu dessen Unterstützung deshalb wahrlich kein Mut gehörte, systematisch ausgeblendet. Die Tatsache, dass bis zu 20 % der Kinder nicht irgendwo, sondern in den gerühmten Gesamtvolksschulen nicht ordentlich lesen lernen, wurde ebenso ignoriert wie die Realität des Unterrichts in Klassen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, die aus Bildungseinrichtungen mitunter schlicht Aufbewahrungsanstalten mit falsch qualifiziertem Personal macht. Die Überforderung von Schulen mit Aufgaben und Zumutungen aller Art wurde ebenso ausgeblendet wie die realen Mängel einer Lehrerbildung, die nicht in einem Defizit an pädagogischer Kompetenz, sondern in einer zunehmenden Ferne zum Fachwissen und dem damit verbundenen Verlust an Souveränität und Begeisterungsfähigkeit bestehen. Und natürlich gab es keinen Diskurs darüber, was man denn eigentlich unter Bildung verstehen wollte.

Im Gegensatz zu den nebulösen Formulierungen des Volksbegehren kann und muss nämlich sehr wohl zwischen dem Erwerb basaler Kulturtechniken, der Aneignung und Auseinandersetzung mit den zentralen Wissensbeständen unserer Kultur, der Schulung von Artikulations-, Kommunikations- und Denkfähigkeiten, der berufsorientierten Qualifizierung und dem Eindringen in die Verfahren und Methoden der neuzeitlichen Wissenschaften unterschieden werden. Das Gerede von einer generellen "Kompetenzorientierung" hilft hier nicht weiter. Das Spannungsfeld zwischen ökonomisch und gesellschaftlich notwendigen beruflichen Ausbildungen und dem Anspruch einer Bildung, die sich nicht als Mittel für die Wirtschaft oder die Politik, sondern als Ziel und Selbstzweck versteht, wurde deshalb auch geflissentlich übersehen.

Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang durfte und darf auch weiterhin nicht gestellt werden: dass Bildung nicht nur ein Recht ist, sondern dass die - übrigens keineswegs zwingende - Inanspruchnahme dieses Rechts auch Pflichten implizieren könnte: Nicht überall, wo Bildung verweigert wird, liegt die Schuld am System oder am Anbieter. Und über eines darf gar nicht gesprochen werden, obwohl das Ergebnis des Volksbegehrens auch hier eindeutig ist: Bildung ist ein Mittelstandsphänomen. Für die Eliten ist sie bedeutungslos, weil entweder selbstverständlich oder überflüssig. Und die sogenannten bildungsfernen Schichten haben andere Werte und Ideale, an denen sie ihre Lebensläufe orientieren möchten. Ihren Medien können sie alle möglichen Vorbilder entnehmen, vom alkoholisierten Rockstar bis zum millionenschweren Kicker, der Gebildete zählt nicht dazu. Nur die durch die Globalisierung bedrohte Mittelschicht glaubt noch an ihre Chancen durch Bildung und an einen sozialen Aufstieg durch das Sammeln von ECTS-Punkten, Modulen und Zertifikaten.

Zum Schluss, wie könnte es anders sein, eine kleine Literaturempfehlung. In der soeben erschienenen neuesten Nummer der Zeitschrift Merkur findet sich eine bemerkenswerte Kolumne von Jürgen Kaube zum Thema "Bildung, Schule". In ernüchternder Weise stellt der FAZ-Bildungsredakteur fest, dass die vermeintlich selbstverständlichen Vorannahmen aller Reformbemühungen - dass wir zu wenig Bildung haben, dass die Chancen, zu Bildung zu gelangen, ungleich verteilt sind und dass die Schule das ändern kann - schlicht falsch sind. Diese Irrtümer verdanken sich nicht nur einer Ideologie, sondern auch einer empirischen Bildungsforschung, die permanent ihre unter eher fragwürdigen Bedingungen gewonnenen Daten mit der Wirklichkeit verwechselt. Und dieser Autor kommt zu dem Schluss, dass viel gewonnen wäre, wenn man die Schule das tun ließe, was sie wirklich kann, nämlich "unterrichten", anstatt sie "ständig in Hinblick auf etwas zu reformieren und zu kritisieren, was ohnehin nicht in ihrer Macht steht". Dazu bräuchte man kein Volksbegehren, dazu bräuchte man auch nicht viel Geld. Dazu genügte es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es fachlich und didaktisch gut ausgebildeten und entsprechend bezahlten Lehrern ermöglichen, ihre Arbeit zu verrichten, ohne dabei ständig von jemandem in oder außerhalb der Klasse gestört zu werden. (Konrad Paul Liessmann, DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.11.2011)

Konrad Paul Liessmann, Jg. 1951, Philosoph und Essayist, lehrt an der Universität Wien und veröffentlichte u. a. die "Theorie der Unbildung" (Zsolnay 2008).

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