Das unteilbare Recht auf Teilhabe

14. November 2011, 09:48
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Mit Konzepten von Inklusion und sozialer Teilhabe beschäftigt sich die Caritas nicht erst seit Diversity-Management zu einem gesellschaftlichen Trend wurde

Verschieden zu sein ist normal. Inklusion und soziale Teilhabe sind Leitbegriffe des anwaltschaftlichen Auftrags der Caritas. Unsere Klienten und Klientinnen, Menschen am Rande der Gesellschaft und am Rande des Lebens eint bei aller Vielfalt eines: der Mangel an Verwirklichungschancen, die volle soziale Teilhabe ermöglichen könnten.

Um es mit Amartya Sen zu sagen: Sie werden davon abgehalten, jenes Leben zu führen, für das sie sich mit guten Gründen entscheiden würden.

Auftrag der Caritas ist es, für diese Menschen Begleiterin für ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu sein, in Eigenverantwortung und Verantwortung füreinander.

Tragfähiges Miteinander

Gleichzeitig wächst bei uns seit längerem das Bewusstsein dafür, dass wir neben der Gesellschaft auch auf uns selbst, auf uns als Organisation, auf unser Agieren im Blick auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Klienten und Klientinnen achten müssen.

Ziel ist es dabei, in unserem Engagement glaubwürdig und wirksam zu bleiben und eine gesellschaftliche Vorreiterrolle für ein tragfähiges gesellschaftliches Miteinander einzunehmen. Wenn wir von der Gesellschaft fordern, dass sie Vielfalt als Chance und Ressource begreifen soll, dann müssen wir das auch nach innen leben.

Die Caritas der Erzdiözese Wien hat deshalb vor einiger Zeit einen Diversitätsprozess gestartet, um unsere Organisation dahingehend zu durchleuchten, was an "Vielfalt leben" schon gelingt, was davon noch verstärkt werden soll und muss, und wo wir konkreten Verbesserungsbedarf sehen.

Der Entschluss, einen Diversitätsprozess zu beginnen, kam von der Geschäftsleitung. Für die Prozessgestaltung haben wir aber einen Bottom-up-Ansatz gewählt, bei dem Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über alle Hierarchie-Stufen hinweg Ziele und Maßnahmen entwickelt haben.

Und wir haben eine empirische Organisationsanalyse auf Basis anonymisierter Mitarbeiterdaten durchführen lassen, die die verschiedenen Diversity-Dimensionen von Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund und Behinderung zum Inhalt hat und diese im Sinne des Intersectionality-Ansatzes auch verschränkt.

Aktuell sind wir damit beschäftigt, die zahlreichen Ergebnisse und Maßnahmenvorschläge zu diskutieren, zu bearbeiten und auszuwählen.

Für uns als Caritas sind die Wertschätzung von Vielfalt, gerechte Strukturen und ein selbstbestimmtes Leben in Würde ethische Werte, die sich aus unserem christlichen Fundament ableiten. Doch natürlich gelten für uns als soziale Dienstleisterin auch betriebswirtschaftliche Mechanismen und Rahmenbedingungen.

Mensch im Mittelpunkt

Wir sind überzeugt, dass uns unser Anspruch, für alle Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit offen zu sein, dabei hilft, eine attraktive Arbeitgeberin zu sein und optimale Arbeit im Blick auf die Klienten und Klientinnen zu erbringen. Im Mittelpunkt steht dabei immer der Mensch. Denn Vielfalt zu leben heißt, die Einzigartigkeit jedes Menschen anzuerkennen, wertzuschätzen und zu respektieren. (Michael Landau/DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.11.2011)

MICHAEL LANDAU ist Caritasdirektor der Erzdiözese Wien. Er studierte Biochemie und Katholische Theologie. Für sein Engagement in der Hospizbewegung, Altenpflege sowie für Demenzkranke wurde er mit dem Greinecker Seniorenpreis 2006 ausgezeichnet

  • Michael Landau.
    foto: standard/cremer

    Michael Landau.

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