Grüne Batterie Europa als Zukunftskonzept

Chat10. November 2011, 12:12
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Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Österreichs Energie

ModeratorIn: Grueß Gott liebe UserInnen! Barbara Schmidt, die Generalsekretärin des Interessensverbands Oesterreichs Energie, freut sich auf ihre Fragen. Es geht um die Energieversorgung des Landes, schießen Sie los!

Barbara Schmidt: Grüß Gott, liebe Userinnen und User. Ich freue mich auf eine spannende Dikussion zur Energiezukunft.

UserInnenfrage per Mail: Ist ein atomfreies Österreich von der Entscheidungsfreudigkeit seiner Nachbarländer abhängig?

Barbara Schmidt: Österreich hat sich bereits in den 70er Jahren gegen die Atomkraft entschieden. Mehr als 2/3 der STromerzeugung in Österreich kommen aus erneuerbaren Quellen. Jetzt gilt es diesen Anteil an der sauberen österreichischen Stromerzeugung so zu erhöhen, dass keine Importe aus dem Ausland im Jahresschnitt notwendig sind.

UserInnenfrage per Mail: Das Gespenst der zusammenbrechenden Stromleitungen geht ja auch in Österreich um. Wie „stabil“ ist unser Netz in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern, sowohl in Europa, als auch außerhalb?

Barbara Schmidt: Es handelt sich dabei nicht um ein Gespenst, aber natürlich um eine mögliche Gefahr. Österreichs Netzbetreiber bieten aber derzeit eine 99,9%ige Versorgungssicherheit. Der Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere die volatile Windkraft und Photovoltaik, stellen große Herausforderungen für die Netze dar. Ebenso die Überlastung der Netze in unseren Nachbarländern. Die Spannung im Netz muss nämlich immer exakt gleich sein und daran halten sich der Wind und die Sonne nicht. Die erneuerbare Energiezukunft kann daher nur mit einem Ausbau der Netze einhergehen.

UserInnenfrage per Mail: Energie von Wind aus dem Norden. Sonnenenergie aus dem Süden. Österreich im Herzen Europas als "Grüne Baterie". Ist das ein realistisches Zukunftskonzept?

Barbara Schmidt: Das ist das Zukunftskonzept. Wir brauchen alle erneuerbaren Energien, aber wirtschaftlich sinnvoll ist es die Potentiale zu nutzen die am meisten vorhanden sind. Gerade heute in Wien sieht man, dass wir mit Sonne nicht reich gesegnet sind. Dafür haben wir die Alpen, in denen sich Strom in Pumpspeicherkraftwerken speichern lässt. Übrigens die einzige Speichermöglichkeit für große Strommengen, daher grüne Batterie.

UserInnenfrage per Mail: Die Abhängigkeit von Atomstrom bleibt beständig; inwiefern ist es sinnvoll in diese Richtung überhaupt zu investieren, wenn keine Einigung über einen Energiebinnenmarkt gefunden werden kann?

Barbara Schmidt: In Österreich investiert keiner in Atomstrom. Fakt ist aber, dass es sehr wohl einen europäischen Strombinnenmarkt gibt, in dem Strom als Ware frei gehandelt werden kann. Ihnen als Konsument steht es frei zu entscheiden aus welcher Quelle der Strom stammt, den Sie beziehen.

UserInnenfrage per Mail: Welche prozentuale Aufteilung (Windkraft/Wasserkraft/Atom) werden wir in rund zehn Jahren beim Energiemix haben, wenn man berücksichtigt, dass der vollständige Verzicht auf Atomstrom nicht in naheliegender Zukunft absehbar ist.

Barbara Schmidt: Zuerst einmal nur 20% der Energie die wir verbrauchen ist Strom. Von diesen 20% haben wir derzeit in Österreich eine Erzeugung von 71% Strom aus erneuerbaren Quellen, der Rest stammt aus thermischen Anlagen. Leider können wir nicht den ganzen Strom den wir verbrauchen auch im Land erzeugen, daher gibt es einen geringen Anteil an Importen aus dem Ausland. Da ist auch ein Anteil an Atomstrom enthalten. Ziel muss es daher sein, die österreichische Eigenerzeugung auszubauen. So plant die E-Wirtschaft, dass in 10 Jahren kein Nettoimport mehr notwendig ist. Dazu brauchen wir aber neue Kraftwerke und neue Netze und die Unterstützung und Akzeptanz der Bevölkerung.

UserInnenfrage per Mail: Strom hat kein Mascherl, hieß es lange. Nun bekommt er doch eins. Die Schweizer oder Norweger haben das schon sehr sehr lange. Wieso hat es so unglaublich lange gedauert, dass Österreich eine ordentliche Stromkennzeichnung bekommt?

Barbara Schmidt: Der Strom der aus der Steckdose kommt ist immer der gleiche. Durch die Ausweisung woher der Strom kommt den mein Stromlieferant anbietet, kann ich als Kunde entscheiden wie viel Strom aus welcher Quelle ins Netz eingespeist wird. Dieses sogenannte Labeling gibt es seit Beginn der Liberalisierung 2001. Mit der neuen Verordnung die Sie offensichtlich ansprechen, kommt es nur zu einer weiteren Konkretisierung.

UserInnenfrage per Mail: Neue Automobile werden ja schon ziemlich flächendeckend mit intelligenten Systemen wie Messung des Spritverbrauchs etc. ausgestattet. In der Energiebranche hat man noch nicht einmal den intelligenten Stromzähler. Ist die Branche nicht ziemlich rücks

Barbara Schmidt: Die Stromwirtschaft war wie keine andere Branche in den letzten 10 Jahren im Umbruch. Der Umstieg auf erneuerbare, dezentrale Anlagen, die Einführung des Strombinnenmarkt mit der Liberalisierung und der freien Wahl des Stromanbieters waren enorme Herausforderungen die die Branche gut gemeistert hat. Von Rückständigkeit kann wohl nicht die Rede sein und man kann sie auch nicht nur am Messgerät festmachen. Fakt ist, dass die EU-Vorschriften die Einführung von intelligenten Stromzählern, sog. smart-meter, zu einem Großteil und sofern volkswirtschaftlich sinnvoll bis 2018 vorsehen. Daran wird derzeit gemeinsam mit dem Ministerium und dem Regulator intensiv gearbeitet. Es gibt jedoch viele offene Fragen wie die Datensicherheit, die Kostentragung, ect. Denn schließlich soll der Einbau von neuen Geräten in jedem Haushalt Österreichs ja auch etwas bringen. Wir reden ja schließlich von 5 Mio. Zählern und Kosten in der Höhe von mehr als 2 Mrd. Euro. Ich warne vor einem Schnellschuß und erinnere an die Einführung der EU-Postfächer... Für intelligente Netze der Zukunft werden wir diese Zähler aber brauchen.

Brainvoice: Wer kontrolliert die "Strommascherl"? Wenn eine Firma 100% in Windkraft investiert kann er das Windmascherl bekommen, aber wenn die Tochterfirma in Atomstrom investiert (oder Mutter), dann dürfte Logischerweise diese kein Windmascherl bekommen! Wie

Barbara Schmidt: Genau so ist es. Es gibt dafür eigene Behörden die das kontrollieren. Österreich hat ein durchgängiges und strenges Zertifizierungssystem, das Vorbild auch für andere Länder ist.

malso malso: Liebe Frau Schmidt, Wasserkraft wird weitgehend als "saubere Energie" bezeichnet; in Wahrheit werden damit Flüsse umgeleitet, Naturschutzgebiet aufgestaut und Lebensräume zerstört; Ist das wirklich die Energie der Zukunft, auf die wir setzen sollten

Barbara Schmidt: Der Mensch greift in all seinem Tun in die Natur ein. Es muss jedoch eine Abwägung geben und Wasserkraft ist sicher ein geringerer Eingriff in die Natur als andere Formen der Stromerzeugung und dazu auch noch gänzlich frei von Emissionen. Zudem erfolgt auch bei jedem Wasserkraftprojekt eine strenge Prüfung. Wichtig ist mir, dass bekannt wird, dass wir in Österreich mehr als 50 000 sog. Querbauwerke in unseren Flüssen haben und nur jedes 8. davon zur sauberen emissionsfreien Stromerzeugung dient. Die anderen künstlichen Schwellen und Stufen in unseren Flüssen dienen dem Hochwasserschutz und anderen Zwecken.

Isegrim1: Würden Sie sagen es ist eine Illusion, dass Energie langfristig betrachtet für alle erschwinglich bleiben wird? Haushaltgeräte fressen Strom (bei steigender weltbevölkerung und Wohlstand), die Protukion von Gütern frisst Strom (z.B. die Aluminiumher

Barbara Schmidt: Wir müssen in Zukunft selbstverständlich Energie effizienter einsetzen. Der Verbrauch kann nicht weiter so steigen wie in den letzten Jahrzehnten. Wir haben dafür weder die Ressourcen noch hält das das Weltklima aus. Fakt ist aber auch, dass nur 20% des Energieverbrauchs in Österreich Strom ist. Wir müssen im Bereich der Wärme und des Verkehrs Energie sparen, beim Strom gibt es wenig Einsparungspotential. Strom aus erneuerbaren Quellen wird vielfach fossile Energien ersetzen. Ich denke hier an Wärmepumpen, intelligente Stromanwendungen in Passivhäusern und die Elektromobilität. Hier wird eine Einsparung an Energie möglich sein ohne dass die Lebensqualität eingeschränkt wird oder der Wirtschaftsstandort Schaden erleidet. Mehr Energieeffizienz wird aber nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes sondern auch aus, wie Sie richtig anführen, Kostengründen notwendig sein.

Marie Niert: Inwieweit sehen die Energieversorger in den Bundesländern dezentrale erneuerbare Energie die jeder Haushalt selber erwerben kann (zb. Photovoltaik) als Bedrohung Ihrer Märkte und wie sehen die langfristigen Strategien in dieser Hinsicht aus? Wird de

Barbara Schmidt: Selbstverständlich sind wir im Energiesystem im Umbruch. Von ein paar zentralen großen Anlagen in der Nähe von Großverbrauchern und Ballungsräumen geht die Entwicklung in viele, kleine, dezentrale Anlagen, die sich vielfach auch in privater Hand befinden können. Das bedeutet für die E-Wirtschaft eine große Herausforderung, denn diese Anlagen müssen ans Netz angeschlossen werden. Zusätzlich bedarf es einer intelligenten Netzsteuerung und zusätzlicher, stabiler Erzeugungsanlagen als Backups, denn Strom muss immer gleichmäßig fließen und das können die dezentralen, kleinen Anlagen alleine nicht garantieren. "Energieautarkie auf privater Basis" ist ein schönes Schlagwort, aber die Realität sieht anders aus. Sie wollen doch sicher auch Strom dann haben, wenn Ihre Photovoltaikanlage gerade keinen Strom produziert, wie z.B. in der Nacht und wenn Sie mehr Strom produzieren als Sie gerade selbst verbrauchen, wollen Sie doch sicher den überflüssigen Strom verkaufen. D.h. jeder Haushalt wird auch zukünftig Teil des gesamten Stromsystems sein für dessen sicheren Betrieb die österreichische E-Wirtschaft verpflichtet ist.

Delilah: Wenn über die Investition in Österreichs Stromnetze diskutiert wird, was bedeutet das für den Konsumenten? Ich nehme an, das geht einher mit wiedermal steigenden Energiepreisen?

Barbara Schmidt: Selbstverständlich kostet die Netzinfrastruktur Geld. Jeder Konsument zahlt einen Anteil über das Netznutzungsentgelt. Sie können aber sicher sein, dass die Regulierungsbehörde, die diesen Betrag per Verordnung genehmigt, sehr streng kalkuliert. Dies ist unter anderem der Grund warum die österreichische E-Wirtschaft nicht schneller den Netzausbau vorantreiben kann.

ModeratorIn: Vielen Dank für die vielen Fragen, liebe UserInnen! Vielen Dank, Frau Schmidt, für die Beantwortung der Fragen.

Barbara Schmidt: Auch von meiner Seite, vielen herzlichen Dank für die vielen Fragen, die ein Spiegelbild der Komplexität der Herausforderungen der Energiezukunft sind.

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