Rundschau: Unheimliche Begegnungen jeder Art

    Ansichtssache19. November 2011, 10:12
    53 Postings

    Neue Romane unter anderem von John Scalzi, Adam Roberts, Genevieve Valentine, Brent Weeks und Dean Koontz

    Bild 8 von 9
    coverfoto: ps publishing

    Chaz Brenchley: "Rotten Row"

    Gebundene Ausgabe, 139 Seiten, PS Publishing 2011

    Zum Abschluss dieser Rundschau noch zwei aktuelle SF-Novellen mit sehr unterschiedlichen Themen; erst mal die bessere. Den Briten Chaz Brenchley kennt man eigentlich eher als Fantasy-Autor. Auf Deutsch erschien im vergangenen Jahrzehnt die "Kreuzfahrer"-Reihe, 2010 kam das unter dem Pseudonym Daniel Fox veröffentlichte "Geschmiedet in Feuer und Magie" dazu, das trotz oder wegen seiner Originalität leider ohne Fortsetzung blieb. Im Original wurde die Trilogie, die in einem mythologischen alten China spielt, heuer abgeschlossen. "Rotten Row" hingegen ist SF pur und geht da in die Tiefe, wo Iain Banks' "Kultur"-Romane so unbeschwert über die Oberfläche peppeln, wie die Angehörigen ebendieser "Kultur" ihr ganzes Leben verbringen. Achtung: Der nächste Absatz dreht sich um den gesellschaftlich-technologischen Hintergrund von Brenchleys SF-Welt, die sich auf den ersten Seiten der Novelle als verwirrendes Kaleidoskop präsentiert. Wer sich das Vergnügen des Sich-selbst-Zurechtfindens nicht nehmen lassen will (etwas, das Nicht-GenreleserInnen kaum nachvollziehen können - it's not a bug, it's a feature!), der kann ihn einfach überspringen.

    Brenchley skizziert eine interstellare Zivilisation, die sich in downsiders (planetengebunden lebende, "normale" Menschen) und - großgeschrieben - die Upshot gliedert. Letztere haben ihren Körper hinter sich gelassen, um zwischen den Sternen reisen zu können. Ihr Ich - mind - or soul, or personality, whatever it is that we Upshot are - wird in Form eines Datenpakets übertragen, um am Zielort einem bereitliegenden Zuchtkörper implantiert zu werden. Den bewohnen sie so lange, bis sie weiterziehen, danach wird der Einwegkörper eingeäschert: Eine Vorsichtsmaßnahme der streng regulierten und etwas paranoiden Upshot-Gemeinde; so soll verhindert werden, dass ein fremder Geist in einem vertrauten Körper das Umfeld von dessen ehemaligem Bewohner narrt. Aus demselben Grund lautet eine weitere Regel, dass die Zuchtkörper nach dem Zufallsprinzip vergeben werden. Niemals können die Upshot bestimmen, in welchem Körper sie landen werden; nicht einmal in welchem Geschlecht. Es ist nicht das erste Mal, dass Brenchley Gender-Themen anspricht, aber hier geht er in die Vollen.

    Vom Protagonisten erfahren wir nur den Nachnamen - duLaine -, und da in der Novelle die Zusammenhänge zwischen Körperlichkeit und Identität in vielfältiger Weise ausgelotet werden, braucht es auch nicht mehr: The name goes with the body. Ein "Immersionskünstler" ist er, jemand, der seine Umgebung in sich aufsaugt und anschließend seine Eindrücke in einem Kunstwerk kondensiert. Und jetzt hat er sich die spektakulärste und zugleich verpönteste Umgebung ausgesucht, die die Galaxis zu bieten hat: Rotten Row, ein orbitales Rad um irgendeinen toten Planeten, dessen BewohnerInnen sich keinen Deut um die Regeln der galaktischen Gesellschaft scheren. Sie suchen sich nicht nur ihre Körper selbst aus, sie verändern sie auch in vielfältigster Weise. In unserer Welt kennt man vielleicht die französische Body-Art-Performerin Orlan, die ihr Gesicht einer Reihe plastischer Operationen unterzogen hat, oder den britischen "Leopardenmann" Tom Leppard. In Rotten Row jedoch ist die Umgestaltung des Körpers kein Fall für exzentrische Individuen, sondern gesellschaftlicher Konsens. Und geht dank der vorhandenen Technologie natürlich weit über das heute vorstellbare Maß hinaus: Die Hauptstraße von Rotten Row ist Schauplatz einer rund um die Uhr stattfindenden Parade, in der die BürgerInnen ihre bizarr-schönen neuen Körper nur um ihrer selbst willen zur Schau stellen: Sie sind die Kunstwerke ihres eigenen Lebens.

    Auch Iain Banks lässt seine ProtagonistInnen ja gerne die Hüllen wechseln - da zeigt sich schon mal einer als brennender Dornbusch. Allerdings sind sie genau das: Hüllen, ohne Wechselwirkung mit der "wahren" Person, die jeden körperlichen Wandel innerlich unverändert übersteht - eigentlich eine recht altmodische Vorstellung. Das ist bei Brenchley, der Banks' beiläufig angeführtes Motiv in seiner Novelle in den Mittelpunkt rückt und daher auch genauer unter die Lupe nehmen muss, nicht so: Es beginnt mit den subtilen Veränderungen, die duLaines Bewusstsein erlebt, als es in einen Körper upgeloadet wird, an dessen Hormonbalance und physische Parameter es sich erst gewöhnen muss - so wie bei jedem Upload davor. Und das alles wird letztlich in ein vielleicht ein wenig überhastetes, aber folgerichtig grimmiges Finale münden. Dazwischen liegen jede Menge Tabubrüche und neue Erfahrungen. Der Besucher wird miterleben, wie Nebenfiguren mit ihrer menschlichen Form auch ihre menschlichen Interaktionsmöglichkeiten verlieren (wie spricht ein Dornbusch eigentlich, wenn es schon ein "Vogelmann" nicht mehr kann?). Und er bekommt vom Autor vorexerziert, welche Möglichkeiten der Zentaurenkörper von duLaines einheimischer Führerin Mel-2 bietet. Ich sage nur: Sex. Verdauung großer Nahrungsmengen. Vergorene Stutenmilch.

    Letztlich beeinflusst das Thema Körperlichkeit sogar die äußere Handlung, in der duLaine in eine Verschwörung gerät. Er weiß, dass die Anziehung, die er bzw. sein Touristenkörper für Mel empfindet, durch Designer-Hormone verstärkt wurde. Und er nimmt zur Kenntnis, dass dieser Körper hormonell darauf angelegt ist, einem Gruppenkonsens zuzustimmen (wodurch er sich überhaupt erst in den Verschwörerzirkel hineinziehen lässt und sich dessen Aktionen anschließt). Doch Emotionen verschwinden nicht automatisch, wenn man ihren Ursprung kennt. Mel sieht es pragmatisch: Egal, ob sie dauernden Hunger verspürt, weil der Pferdeteil ihres Körpers großen Nahrungsbedarf hat, oder weil man ihr das Hungergefühl sicherheitshalber genetisch aufgeprägt hat, um diesen Körper nicht verkommen zu lassen - sie hat Hunger. Also isst sie.

    Hinter dem vielleicht hässlichsten Buchcover des Jahres verbirgt sich somit ein faszinierendes Gedankenspiel - und irgendwie passt dieser Kontrast ja ganz gut zum Thema. Kurz: Sehr lesenswert!

    weiter ›
    Share if you care.