Rundschau: Unheimliche Begegnungen jeder Art

    Ansichtssache19. November 2011, 10:12
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    Neue Romane unter anderem von John Scalzi, Adam Roberts, Genevieve Valentine, Brent Weeks und Dean Koontz

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    coverfoto: heyne

    John Scalzi: "Der wilde Planet"

    Broschiert, 382 Seiten, € 9,30, Heyne 2011

    Was so eine Erfolgsserie wie "Krieg der Klone" nicht alles bewirken kann! Erst wird - eine echte Rarität - eine Anthologie übersetzt, weil "Klone"-Autor John Scalzi als deren Herausgeber fungierte ("Metatropolis"). Und jetzt folgt aus demselben Grund eine Hommage an einen Autor, an den sich hierzulande nur noch die Älteren erinnern dürften: H. Beam Piper nämlich, und von dem hat es seit 30 Jahren keine Neuauflage auf Deutsch mehr gegeben. Näheres zu ihm später.

    Mit "Agent der Sterne" hat Scalzi hinlänglich bewiesen, dass er auch im humoristischen Fach zuhause ist. Und "Der wilde Planet", das im Original ("Fuzzy Nation") erst diesen Frühling erschienen ist, schlägt in dieselbe Kerbe - selbst wenn es dabei um Themen wie Wirtschaftskolonialismus und versuchten Völkermord geht. Wenn der Prospektor Jack Holloway auf dem frisch erschlossenen Planeten Zara XXIII Sprengsätze auslöst, indem er seinen Hund auf den Zünder hüpfen lässt, und sich anschließend ein wildes Gefeilsche mit seinem Vorgesetzten liefert, dann etabliert dies von Beginn weg einen vergnüglichen Ton, der - trotz diverser Härtefälle - bis zum Schluss durchgehalten wird.

    Für besagte Härtefälle ist der interstellare Konzern ZaraCorp verantwortlich - ausgeschrieben Zarathustra Corporation, und der Name allein lässt schon erahnen, dass wir es nicht mit einem Unternehmen zu tun haben dürften, das mit Samthandschuhen agiert. Tatsächlich ist Zara XXIII nur das jüngste Beispiel eines Planeten, der möglichst schnell ausgeweidet werden soll, ehe der konzerneigene Heuschreckenschwarm weiterzieht. Bis von unerwarteter Seite Sand ins Getriebe gestreut wird - nämlich in Form einer wuscheligen aufrechtgehenden "Katze", die eines Tages in Jacks Haus auftaucht. Es ist Jacks erste Begegnung mit einem Fuzzy; und als es sich auch noch die Familie von Papa Fuzzy in Jacks Eigenheim gemütlich macht, wirft die Beobachtung von deren Verhalten rasch eine bange Frage auf: Sind die Fuzzys etwa intelligent? Für ZaraCorp wäre dies verheerend, denn nach galaktischem Recht darf ein Planet mit einheimischen Intelligenzformen nicht ausgebeutet werden - der Konflikt ist vorprogrammiert. Wie dieser gelöst wird, das gestaltet sich dann als ähnliches Schelmenstück, wie es einst den gewitzten Betreibern von Barry B. Longyears "Zirkus für die Sterne" gelungen ist.

    Von entscheidender Bedeutung dafür ist der Umstand, dass Jack vor seinem Leben als Prospektor Anwalt war. Und auch wenn man ihn seinerzeit unter noch aufzuklärenden Umständen aus der Anwaltskammer rausgeschmissen hat - verlernt hat er nichts. Überhaupt eine recht reizvolle Figur, dieser Jack, weil reichlich undurchschaubar: Auf die LeserInnen wirkt er hochsympathisch, seine Umgebung hingegen treibt er regelmäßig zur Weißglut. Und auch wenn man ihm gerne einen grundanständigen Kern attestieren möchte, steckt doch mehr Berechnung in ihm als gedacht. Das hat unter anderem bereits seine Damals-noch-Freundin Isabel Wangai, eine Exobiologin, zu spüren bekommen. Die Beziehung der beiden endete, weil er sie einst vor Gericht bloßstellte, um seine Haut zu retten - kein gutes Omen dafür, dass sie nun Seite an Seite den Gerichtssaal betreten müssen, um für die Sache der Fuzzys zu plädieren.

    So gerät "Der wilde Planet" im zweiten Teil über weite Strecken zum Gerichtssaaldrama ... oder genauer genommen eigentlich - trotz zweier sehr unschuldiger Opfer - zur Gerichtssaalkomödie. Mit allem, was da so dazugehört: Von einer herrlich brummeligen Richterin über verblüffende Querpfade durch den Paragraphendschungel bis zu Auftritten von Überraschungszeugen, die die Firmenanwältin ZaraCorps schier in den Wahnsinn treiben. Scalzi beweist in seinem rundum gelungenen Roman einen ausgeprägten Sinn für humoristisches Timing - lässt man seine pointenreichen Dialoge Revue passieren, drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob er zwischendurch mal als Autor für die "Desperate Housewives" gejobbt hat.

    ... was auch schon eine halbe Überleitung ist: Denn während in der Film- und TV-Welt Remakes an der Tagesordnung sind, kommt das in der Literatur nicht ganz so oft vor. "Der wilde Planet" ist eine Neubearbeitung von H. Beam Pipers Roman "Little Fuzzy" aus dem Jahr 1962 (auf Deutsch als "Der kleine Fuzzy" bzw. "Was ist los auf Planet Zeno?" veröffentlicht). Der nur zwei Jahre nach dieser Veröffentlichung verstorbene US-Autor ist zwar niemals wirklich in die A-Liga der Science Fiction aufgestiegen, aber speziell seine drei "Fuzzy"-Romane - eigentlich nur Teil einer Jahrtausende umspannenden Future History - haben eine Fangemeinde aufgebaut, die Pipers Werk in liebevollem Angedenken bewahrt hat. Große AutorInnen wie Charles Stross oder Elizabeth Bear haben Piper verbal Tribut gezollt - andere scheinen von seinen Ideen eher unausgesprochen "inspiriert" gewesen zu sein (also diese Baumkatzen in David Webers "Honor Harrington"-Reihe, hmmmm ...). Zwei "Fuzzy"-Romane von anderen Autoren folgten Anfang der 80er - und aktuell zeichnet sich eine dritte Welle ab. Neben Scalzis Remake, das von Pipers Erben offiziell abgesegnet wurde, ist im Frühling auch das als Sequel zu verstehende "Fuzzy Ergo Sum" von Wolfgang Diehr erschienen, einem weiteren US-Autor, der zuvor bereits eine Piper-Biografie verfasst hatte. Was erneut eines illustriert: Was auch immer Mainstream-AutorInnen von Science Fiction und Fantasy halten mögen - sie können nur neidisch darauf blicken, wie sehr sich die Genre-Literatur ihrer eigenen Geschichte bewusst ist. "Fuzzy"-Freunde der nächsten Generation, schließt euch der Gemeinde an!

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