Ein Hochschulplan in der Version 0.0

Kolumne6. November 2011, 18:28
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Dem Altphilologen Karlheinz Töchterle müsste es bei der Lektüre der Empfehlungen für den Hochschulplan den Magen umgedreht haben

Die ambitionierte "Außensicht" zur Entwicklung eines österreichischen Hochschulplans ist im vergangenen Sommer von drei Professoren aus Nachbarländern vorgelegt worden: Dem aus Italien stammenden Vorsitzenden der Schweizer Rektorenkonferenz, dem Ägyptologen Antonio Loprieno, der deutschen, an der Universität Zürich lehrenden Ökonomin Andrea Schenker-Wicki und dem Energietechniker Eberhard Menzel, Chef des FH-Zentrums Ruhr West.

Die Autoren kritisieren, dass die Fachhochschulen finanziell gegenüber den Unis bevorzugt würden. Sie verlangen von den Ländern eine Kostenbeteiligung in Höhe von 100 Millionen Euro pro Jahr. Die drei Professoren sprechen sich für Studiengebühren, aber gegen eine Studieneingangsphase aus. Fast 100.000 Studierende seien "prüfungsinaktiv", aber niemand kümmere sich um sie.

Diesen Vorschlägen folgte jetzt eine "Ideensammlung" zur Umsetzung in Österreich. Sie strotzt vor Gemeinplätzen und ist vor allem in einer Sprache abgefasst, die vom Quacksprech jener Unternehmensberater dominiert wird, die viel verdienen, aber wenig weiterbringen. Kostproben:

Zur "Koordinierung der Profilbildung" heißt es in dem "Entwurf zur weiteren Diskussion": "Ziel der Profilbildung ist die Schaffung von Synergien und kritischen Größen im Rahmen des gegebenen Budgets". Oder: "Der interne Ressourceneinsatz und die Managementstrukturen folgen den sich aus der Profilbildung ergebenden Anforderungen." Ein Weltklasse-Satz. Die Steigerung: "Neue Schwerpunkte bedingen das Überdenken alter Schwerpunkte."

Zusätzlich zu einem "Österreich-Mapping" und einer österreichischen "Roadmap" lässt man sich unter anderem zu folgenden Gedankenstürmen hinreißen: Das englischsprachige Lehrangebot soll ausgebaut werden, "um die Attraktivität für exzellente ausländische Studierende zu erhöhen." Als philosophisches Postulat des Plans wird festgehalten: "Grundlegende Basis für den Erfolg ist gegenseitiges Vertrauen."

Dazu eine vertrauenserweckende Perspektive: Die "vollständige Umsetzung" der "Verbesserung der Betreuungsverhältnisse" soll 2019-2021 erreicht werden.

Das Ganze braucht natürlich auch einen organisatorischen Rahmen. Der sieht so aus: "Die erste Version des Bauleitplanes (...) hat daher die Versionsnummer 0.0 bzw. 0.x." Diese Ziffernreihe wäre ein passender Titel für den gesamten Text.

Dem Altphilologen Karlheinz Töchterle müsste es bei der Lektüre ja den Magen umgedreht haben. Noch mehr müsste den Wissenschaftsminister aber die Belanglosigkeit der einzelnen Punkte geärgert haben. Wir wissen es nicht. Derzeit ist der Minister außerdem mit der Mittelkürzung für die Akademie der Wissenschaften beschäftigt.

Unter der Ministerschaft von Elisabeth Gehrer in den Kabinetten Wolfgang Schüssels wurde das Ziel formuliert, Österreichs Universitäten an die "Weltklasse" heranzuführen. Einzelne Professoren, Professorinnen, Institute und Forschungsgruppen sind das ja. Das Ministerium selbst ist weit davon entfernt. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2011)

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