Die Philosophie der Diplomatie

4. November 2011, 18:43
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Mit feiner Ironie und vielen Anekdoten führt Meinhard Rauchensteiner in die hohe/hohle Kunst des Staatsbesuches ein

Ananasdamast, die überall in der Hofburg anzutreffende Stofftapete, wäre wohl das treffliche Material für den Umschlag gewesen. Aber auch das kardinalrote Surbalin Moire mit Goldprägung vermittelt zusammen mit dem natürlich rot-weiß-roten Lesebändchen jene Exklusivität, auf die es Meinhard Rauchensteiner, 'Pataphysiker in der Truppe von Heinz Fischer, ankam: Sein zart philosophisch durchzogenes, höchst unterhaltsames Pseudolexikon Das kleine ABC des Staatsbesuches sollte jeder, der den HBP, den Bundespräsidenten, auf einer Reise ins Ausland begleitet, als Brevier und Überlebenshandbuch mit sich führen; schließlich hat das Buch, das zwar in die Tasche passt, aber kein Taschenbuch ist, sechs linierte Seiten für Notizen und weitere vier für Skizzen.

Der geeignete Einsatz wäre etwa das Delegationsgespräch: Bei ebendiesem macht man sich eifrig Notizen, oder man fertigt Zeichnungen zu ausgewählten Gesprächsthemen an. Am Ende werden, so Rauchensteiner, "diese Mitschriften am Tisch liegen gelassen und als künstlerisch wertlos entsorgt". Aber bisher gab es ja auch kein ABC des Staatsbesuches.

In Hinkunft jedenfalls kann man damit Beweise sammeln. Dafür, dass ein Staatsbesuch, abgesehen von der Reverenzerweisung, doch zu etwas nutz ist. Denn gemeinhin gilt ein Staatsbesuch schon als erfolgreich, wenn er bloß stattgefunden hat: "Lieber Theaterdonner als wieder einmal Blitzkrieg", so die Weisheit Rauchensteiners. Was für einen Teil des Trosses, die Journalisten, frustrierend ist: Sie können sich nicht damit zufriedengeben, "dass überhaupt irgendwas geschieht und nicht vielmehr nichts", sondern verlangen "über die bloße Tatsache des Sichereignens hinaus auch noch nach Inhalten".

Das Protokoll weiß sich aber zu rächen: Der Journalistenbus wird am hinteren Ende des Konvois eingereiht, was zur Folge hat, dass die Journalisten, sofern sie nicht abgehängt wurden oder werden konnten, etwa fünf Minuten nach dem Staatsoberhaupt bei den jeweiligen Programmpunkten einlangen: "Dann kann man mitunter gerade noch das Wegräumen der Dekorationen beobachten."

Des Öfteren aber hat man Erbarmen mit den Berichterstattern, die ja nicht nichts schreiben dürfen, sondern zumindest irgendwas schreiben müssen, und man verabschiedet ein Memonrandum of Understanding. Ein solches bedeutet keineswegs, dass man tatsächlich ein Projekt in Angriff nimmt: "Es hält lediglich fest, dass man beabsichtigt, sollte es einmal zu Derartigem kommen, sich keine unnötigen Prügel vor die Beine zu werfen. Die Unverbindlichkeit des M. erhöht seine Beliebtheit."

Man erfährt also jede Menge Wissenswertes über höhere Diplomatie und auch niedere Bedürfnisse, denn Rauchensteiner weiht u. a. in die Ratzenböckdoktrin ein, die, benannt nach dem ehemaligen Landeshauptmann, da lautet: "Man soll nicht, wenn man muss, sondern wenn man kann." Gilt, so der trockene Kommentar, sowohl für die Aufnahme wie für das Ausscheiden von Lebensmitteln."

Ein Staatsbesuch bedeutet mithin auch Stress. Man braucht sich also nicht grämen, weil der HBP einen nicht mitnimmt. Dieses Buch entschädigt. Und es belegt, dass es doch zu etwas nutz war, Rauchensteiner wiederholt Staaten offiziell besuchen zu lassen. (Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6. November 2011)

Meinhard Rauchensteiner, "Das kleine ABC des Staatsbesuches". € 16,80 / 176 Seiten. Czernin Verlag, Wien 2011

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