Tritte gegen das Leben

4. November 2011, 18:39
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Goldfischgedächtnis: Hintergründige, kunstvoll kurze Erzählungen von Monique Schwitter

Erzählbände haben es nicht leicht. Zwar sind einige sehr erfolgreich, sowohl ästhetisch als auch ökonomisch. Aber Verlage und Publikum nehmen die Gattung, vor allem wenn die Prosastücke kaum mehr als ein Dutzend Seiten lang sind, eher zurückhaltend auf. Dabei stellt dies an das literarische Schaffen höchste Ansprüche. Auf knappem Raum ist formale und stilistische Konzentration geboten; mit einigen Sätzen gilt es eine Stimmung aufzubauen, Charaktere zu zeichnen - und doch nicht gleich alles offenzulegen.

Den Reiz einer kurzen Erzählung macht es oft aus, dass sie Weitreichendes antippt und Wesentliches in Schwebe hält. Der Zugang zu einer Geschichte erlaubt selten Umwege. "Sie ahnt, dass es schwierig werden könnte", und schon fragt man sich - unter dem Titel Haiku und Horror -, was das für eine Sie, für eine Ahnung und für eine Schwierigkeit sein mögen. "Lächeln habe ich gelernt": ein direkter Einstieg ins Geschäft einer Kellnerin. "Ich bin ihm nachgegangen. Immer wieder. Das erste Mal war ich dreizehn. Ich habe ihn in der Mittagspause an der Uferpromenade gesehen, lachend am Arm einer mir fremden Frau": Der Situation und den drei Figuren möchte man nachgehen.

So beginnen drei der fünfzehn Prosastücke in dem Band Goldfischgedächtnis von Monique Schwitter, die mit knappen Strichen Weltausschnitte erstehen lassen kann. Die Themen ihres Debüts von 2005 Wenn's schneit beim Krokodil, auch dies gelungene Erzählungen, und ihres Romans Ohren haben keine Lider führt sie weiter: Reiz und Schrecken von Beziehungen, Fahrten ins Weite und ins Eigene, Verlust und Tod und die Unsicherheiten des Erinnerns. Mit feinem Gespür und ihrer präzisen Sprache schildert sie Krisen, ohne je aufdringlich zu werden, und - ohne je beliebig zu wirken - die manchmal merkwürdigen existenziellen Nöte von Menschen, die durchaus für die hiesige Gesellschaft durchschnittlich scheinen.

Zuweilen bleiben Einbildung und Realitätsbild gekonnt in der Schwebe. Eine Schriftstellerin lässt sich Unsere Geschichte von ihrer sterbenskranken (oder schon gestorbenen?) Freundin diktieren, um sie im Wort lebendig zu halten. Aufschreiben gegen das Vergessen, das betreibt die alternde Mimin in Die Grube, die nach (dem Ort) Nebel auf Amrum fährt und eine Art Flaschenpost verfasst. Sie, die unter dem Verfall ihres Gedächtnisses leidet, notiert ein Problem ihres Schauspielerinnenlebens: Rollen lernen - aber wie vergessen?

Einige von Schwitters Personen verschließen sich vor der Umwelt, ziehen sich zurück, auf eine Insel oder ins Hotel oder in eine innere Nische. Andere folgen Rollen und Regeln, bis sich doch Zwischenräume auftun. In Neigung ins Nichts spielen eine Frau und ein Mann immer am 13. als "Glücksgemeinschaft" im Kasino, ansonsten haben sie keinen Kontakt miteinander; die Icherzählerin behauptet, sich an die Verbindlichkeit der Unverbindlichkeit gewöhnt zu haben, bis ...

Oder eine Waldgängerin trifft einen, der sein Seil schon geknotet hat (Schwindel). Oder bei einer Taufe wechseln die drei Perspektiven der Mutter, der ungläubigen Patin und der Freundin, um hinter den Fassaden familiärer Rituale Konflikte hervorzuholen. Dieses Andante con moto bringt ein ungewöhnliches, einleuchtendes Sinnbild einer Sinnkrise, als der Taufpatin der Dampftopf explodiert und das Rotkraut an der Küchendecke klebt: "Je länger sie nach oben starrte, auf das, was von der Himmelfahrt des Krauts übrig geblieben war, desto deutlicher hing da ihr eigenes Leben in dunkelroten Fetzen, sodass sie irgendwann dem Druck von oben nachgab und sich zu Boden sacken ließ."

Oft geht es um Konfrontationen in brüchigen Beziehungen oder Familien. In Das Nylonkostüm will ein Fünfjähriger, dessen Mutter kürzlich verstorben ist, dass sein Vater zu Halloween als Toter verkleidet kommt. Wie lange trotz des Vermittlungsversuchs einer Tochter die Feindschaft zwischen zwei Schwestern anhält, weil die eine glaubt, die andere sei am Tod ihres Sohnes schuld, das schildert Die Schaukel in drei "Anläufen", auch hier jeweils vom Standpunkt einer der drei Protagonistinnen aus. Und die Titelgeschichte bringt einen Konflikt auf den Punkt, indem in dick gedruckten Zwischensätzen dem (gelogenen) Erzählen, dann dem Träumen, der (falschen) Sicherheit, der Vorstellung und schließlich dem Wunsch jeweils folgt: "mein Vater sei tot": "Ich habe mir oft gewünscht, mein Vater sei tot. Aber er lebt. Wo, weiß ich nicht, und wie, mag ich mir nicht vorstellen, aber er lebt, taucht alle paar Jahre auf und tritt gegen mein Leben."

Nicht nur die künstlerische Komposition dieser Erzählung zeugt von großer Gestaltungskraft. Monique Schwitter gelingen in sprachlicher Dichte einige Meisterstücke der knappen Form. Über eine mögliche Zweigleisigkeit von Realitätsdarstellung und Imagination bietet sie in der letzten Geschichte Dinner mit Dürrenmatt eine Reflexion an. Bevor sie mit Dürrenmatt endet: Man könne mit Geschichten anfangen, was man wolle. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 5./6. November 2011)

Monique Schwitter, "Goldfischgedächtnis". Erzählungen. € 19,00 / 186 Seiten. Droschl, Graz 2011

  • Reiz und Schrecken von Beziehungen, Fahrten ins Weite und Eigene, 
Verlust und die Unsicherheit des Erinnerns: Monique Schwitter.
    foto: droschl/florian thiele

    Reiz und Schrecken von Beziehungen, Fahrten ins Weite und Eigene, Verlust und die Unsicherheit des Erinnerns: Monique Schwitter.

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