Es geht aufwärts im Alter

4. November 2011, 17:52
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Alter und Zufriedenheit im Job im Fokus

Im Lied Vom donnernden Leben singt Wolf Biermann: "Das kann doch nicht alles gewesen sein, das bisschen Sonntag und Kinderschrein." Eo ipso wolle er vor seinem endgültigen Abgang noch "ein paar eckige Runden drehen." Hält die Achterbahn des Lebens derart beglückende Runden für uns parat oder zeigt die Stimmungskurve langfristig nach unten?

Die verbreitete Annahme, mit zunehmendem Alter gehe es gefühlsmäßig bergab, ist falsch. Zahlreiche Studien belegen einen u-förmigen Verlauf, wobei der rechte Flügel (späte Lebensphasen) höher nach oben zeigt als der linke (frühe Phasen). Befragungen von über 340.000 US-Bürgern weisen ein erstes bescheidenes Hoch in der frühen Kindheit und Jugend nach. Dem folgt ein kontinuierlicher Abwärtstrend bis Mitte bzw. Ende 40. Dann ist der Turnaround geschafft, denn ab dann geht es immer steiler aufwärts, und zwar bis ins sehr hohe Alter (über 80).

Im letzten Lebensdrittel fühlen wir uns also immer wohler in unserer Haut. Gleichzeitig nehmen Alltagssorgen und aggressive Gefühle ab. Nur das Ausmaß erlebter Traurigkeit bleibt über den gesamten Lebenszyklus relativ stabil.

Selektivität

Laborexperimente begründen das u. a. mit einer zunehmenden "sozio-emotionalen" Selektivität. Beispielsweise nehmen jüngere Teilnehmer vorgezeigte negative Bilder stärker wahr, erleben sie belastender und erinnern sich leichter an sie als ältere. Rekonstruieren ältere Menschen Alltagserfahrungen, berichten sie von weniger sozialen Konflikten als jüngere. Finden sie dennoch statt, sind sie weniger nervenaufreibend.

Wie sieht es diesbezüglich mit der Karrierezufriedenheit aus? Unsere "ältere" Kohorte schloss 1970 das Wirtschaftsstudium ab. Unsere "mittlere" Kohorte 1990. Bei der älteren Kohorte ging es rasch steil bergauf. Bereits nach sechs Berufsjahren erreichte sie eine hohe Zufriedenheit, die bis Anfang 40 stabil blieb und dann leicht einbrach. Danach ging es bis 60 wieder aufwärts, allerdings flacher und gemächlicher als am Karrierebeginn.

Bei der mittleren Kohorte brauchte es zehn Berufsjahre bis zum ersten Plateauhoch. Die darauf folgende Midlife-Crisis fiel dramatischer aus und dauerte länger. Aber auch dann ging es wieder aufwärts. Erklärung? Wahrscheinlich fanden die Altvorderen bessere Karrierechancen vor, was schnellere Erfolge und höhere Karriereplateaus garantierte und kleinere Zufriedenheits-Amplituden nach sich zog.

Das Alter ist also nicht von Selbstzweifel, Orientierungslosigkeit und negativen Lebensbilanzen geprägt, sondern bringt Wohlbefinden, Gelassenheit und ein positives Annehmen des Erreichten. Ob das mit nachlassendem Gedächtnis, erhöhter sozio-emotionaler Selektivität oder schlicht mit einer Verknappung der Lebenszeit zusammenhängt, kann uns egal sein. Das Donnergrollen, wie es Biermann besingt, bezieht sich also auf Gefühle, wie sie für die heißen Aufbaujahren typisch sind. Die "In-die-Jahre-Gekommenen" bevorzugen wohl eher Sinatra: "I did it my way!" (Johannes Steyrer, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.11.2011)

JOHANNES STEYRER ist a. o. Professor an der WU Wien und Psychotherapeut. Kontakt: johannes.steyrer@wu.ac.at

Die Ergebnisse basieren auf Arbeiten im Vienna Career Panel Project, einer Arbeitsgruppe an der WU Wien zur Karriereforschung: www.vicapp.at

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