Alles eine Frage des Schwerpunkts

6. November 2011, 17:44
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Sportklettern ist ein Jugendsport, kann aber zu Gelenkschädigungen führen

Sportmediziner sind sich einig: Klettern ist für Kinder und Jugendliche ein idealer Sport, weil diese "natürliche Bewegungsart bereits genetisch angelegt" sei, sagt die Brixener Primarärztin Gertraud Gisser beim diesjährigen International Mountain Summit (IMS) Mitte Oktober in Brixen. Als Ganzkörpersport müssen Arme, Beine, Rumpf und Gehirn eingesetzt werden, ein idealer Ausgleich zum Sitzen in der Schule. Zudem fördere Klettern gesellschaftlich relevante Schlüsselqualifikationen wie Anstrengungsbereitschaft, Beharrlichkeit und Teamfähigkeit. Im Schulsport habe sich gezeigt, dass der Klettersport die "emotionale, motorische und kognitive Entwicklung der Kinder fördere, sagt Gisser.

Vor allem: Das "Rauf auf die Bäume" fällt Kindern und Jugendlichen besonders leicht. "Kinder haben ein weit besseres Kraft-Körpergewicht-Verhältnis als Erwachsene und sie haben den natürlichen Bewegungsablauf des Klettern noch gespeichert, erklärt der Innsbrucker Orthopäde Thomas Hochholzer, bei Erwachsene sei "dieses motorische Gedächtnis" meist schon gelöscht.

Frage des Schwerpunkts

Das alles ist letztlich eine Frage des Schwerpunktes. Kinder würden beim Laufen den Schwerpunkt immer über dem Standfuß halten. Den Schwerpunkt zentral unter der haltenden Hand zu halten sei beim Klettern eine der Schlüsseltechniken, sagt Hochholzer.

Doch Hochholzer warnte in Brixen ehrgeizige Trainer und Eltern: "Sportklettern ist die Sportart, die die Finger und Hände am meis- ten belastet." Sehnenscheidenentzündungen sind die typische Überlastungserscheinung bei Sportkletterern. In der Beugesehnenscheide sammelt sich Flüssigkeit an und führt zu Verdickungen und Schwellungen. Auch Schwellungen der Fingermittelgelenke sieht er häufig, sie entstehen durch Entzündung der Gelenkkapseln

Beides kann aber bei Therapie und Ruhestellung "absolut rückgängig gemacht werden". Auch die bei langjährigen Kletterern festzustellenden Streckdefizite, bei denen die Finger nicht mehr gerade ausgestreckt werden können, würden sich nach einer Zeit der Ruhe wieder legen.

Irreversible Schäden könnten jedoch bei Kindern und Jugendlichen auftreten. Gerade im Hochleistungssport sei das ein Problem, meint Hochholzer. Da das Belastungsprofil dem des Leistungsturnens ähnle, sei eine weitere Verjüngung des Durchschnittsalters im Hochleistungsbereich zu erwarten.

Wachstumsfuge

Hochholzer berichtet von einer massiven Zunahme von Wachstumsfugenverletzungen. Damit gemeint sind gelenknahe Bereiche der Röhrenknochen, in denen das Längenwachstum vor sich geht. Kommt es hier zu Verletzungen durch Überlastung, können unerwünschte Veränderungen wie etwa ein frühzeitiger Verschluss der Fuge entstehen. Gehe die Verletzung der Wachstumsfuge "mitten durch das Gelenk", führe dies meist zu Deformitäten.

Männliche Jugendliche sind gefährdeter als Mädchen. Einerseits, weil die vermehrte Testosteronausschüttung in der Pubertät die mechanische Festigkeit der Wachstumsfuge schwächt, andererseits aber auch, weil Burschen schlicht schwerer werden. Den so ungünstiger werdenden Gewicht-Kraft-Faktor versuchten viele junge Kletterer mit mehr Kraft und dem Alter nicht angemessenen Training auszugleichen. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, Printausgabe, 07.11.2011)

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    inder haben ein besseres Kraft-Körpergewicht-Verhältnis als Erwachsene.

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