Pekings Frühlings Erwachen

4. November 2011, 18:23
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Das National Art Museum of China, Asiens größtes Museum, widmet posthum dem Österreicher Willy Eisenschitz eine umfangreiche Retrospektive

Aus Peking berichtet Gregor Auenhammer über die kulturpolitische Sensation.

"Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt", sagte einst Konfuzius. Begonnen hatte der weite Weg nach Peking vor 25 Jahren, als Irene und Josef Schütz, in der Wiener Gluckgasse ansässige Kunsthändler, in Frankreich "ihren ersten Eisenschitz" gesehen und erstanden hatten. Den vorläufigen Höhepunkt der posthumen Würdigung des 1889 in Wien geborenen, 1974 in Paris verstorbenen Künstlers stellt die vom Wiener Kunstexperten Josef Schütz initiierte und kuratierte, in Peking präsentierte, 66 Exponate umfassende Retrospektive des österreichischen Malers Willy Eisenschitz dar.

Die grandiose Retrospektive ...

Hält der Ansturm der ersten Tage an, werden bis 8. November 100.000 Besucher die – zu Ehren des 40-jährigen Bestehens diplomatischer Beziehungen zwischen Österreich und der Volksrepublik China – am österreichischen Nationalfeiertag eröffnete Retrospektive des Wiener Expressionisten gesehen haben. Die Personale repräsentiert sämtliche Entwicklungsphasen von Eisenschitz: Sezessionismus, Kubismus, Impressionismus und Expressionismus.

Bei der Vernissage apostrophierte Josef Schütz Eisenschitz als "Künstler der Farben, des Lichts und des Herzens", memorierte dessen Vita als typisch für viele heute vergessene oder unterschätzte Künstler der Zwischenkriegszeit wie Dobrowsky, Huber oder Moll; und zog einen Vergleich zur Renaissance von Schiele und Klimt, ebenfalls 50 Jahre nach deren Ableben. Fan Di An, Direktor des Namoc, nannte Eisenschitz' handwerkliche Perfektion sowie den in seinem OEuvre spürbaren "intensiven Ausdruck seiner wahren Gefühle gegenüber Natur und Leben" als wesentlich und fügte hinzu, dass er Eisenschitz persönlich als "großen Künstler" schätze, "der es verstand, die Schönheit der Natur zu finden und darzustellen. Natur ist Kunst im Dialog mit der Natur." Das Besondere sei aber, wie er "ehrlich und fromm natürliches Licht mit Atmosphäre, unter Vermengung unterschiedlicher künstlerischer Sprachen, zu Farben eigenen Stils" vereine.

Der Beginn der Schütz'schen Sammelpassion liegt 25 Jahre zurück, als das Ehepaar in einer kleinen Galerie an der Côte d'Azur ein Menton darstellendes Gemälde von Eisenschitz um umgerechnet etwa 24.000 Schilling erstand. Heute hütet man mit 120 Exponate die größte private Eisenschitz-Sammlung, gefolgt von der Wertheimer Foundation (Tel Aviv) mit rund 100 Arbeiten. 55 der 66 in Peking gezeigten Werke stammen aus der "Private Collection Schütz". Von den mehr als 1400 Ölgemälden und 3000 Papierarbeiten, die im offiziellen Werkskatalog gelistet sind, befinden sich 350 in 37 internationalen Museen. Die Preise im Kunsthandel variieren zwischen 30.000 und 150.000 Euro, der höchste je bei einer Auktion erzielte Zuschlag liegt bei 65.000 Euro (2007, Titel, Sotheby's Amsterdam).

... eröffnet Zukunftsperspektiven

Seine 120 Werke umfassende Privatmannschaft will Schütz nicht veräußern. Mit anderen Eisenschitz-Arbeiten handelt er dennoch, etwa auch anlässlich der "Art & Antique" in der Hofburg (bis 13. 11.). Um eine Wertsteigerung geht es Schütz bei seinem Engagement weniger, als dem Künstler zu einem "gerechten Platz in der Kunstgeschichte" zu verhelfen.

Das 1959 von Präsident Mao als Nationalmuseum konzipierte, seit einer Renovierung 2009 sich für "Fremdes" öffnende Namoc – mit 200.000 Quadratmetern das größte Museum der Welt – symbolisiert die Vielgesichtigkeit der chinesischen Nation, verkörpert eine paradoxe Staatsdoktrin, der zufolge alles bleibt, wie es ist, und nicht, wie es war. Abseits des Verwahrens der Devotionalien der Revolution präsentierte das Namoc in den letzten Jahren Retrospektiven renommierter Künstler wie etwa Picasso, Goya, Miró oder Dalí.

Die Entscheidung, mit Eisenschitz einen international etwas weniger arrivierten Künstler zu präsentieren, hat für den Museumsdirektor dennoch gute Gründe: Einerseits gehe es ihm darum, den Horizont zu erweitern und Unbekanntes zu entdecken. Andererseits sieht Fan Di An dieses Projekt als Beitrag zu einem offensiven Kulturaustausch zwischen China und Europa, speziell aber zur Kulturnation Österreich – ganz im Sinne des neuen, im Zuge des Staatsbesuches von Präsident Hu Jintao in Wien unterzeichneten erweiterten Kultur-Austausch-Programmes zwischen Österreich und der Volksrepublik China.

Josef Schütz gelang aufgrund seiner privaten, mit Verve und Enthusiasmus betriebenen Initiative nicht nur die Sensation einer Personale des in heimatlichen Gefilden weitgehend Unterschätzten. Dem feinsinnigen Kunsthändler gelang es – vor allem auch mittels seiner unaufgeregten Art und seines diplomatischen Fingerspitzengefühls – innert weniger Monate ein imposantes Netzwerk aufzubauen, Brücken zu Menschen vordergründig anderer Mentalität, divergierenden Temperaments zu bauen und damit ein auf Wertschätzung basierendes, veritables Fundament für zukünftig bilateralen Kulturaustausch auf Augenhöhe zu legen.

Die Liste dezidierter Liebhaber europäischer Kunst beginnt bei Fan Di An, dem Direktor des Pekinger Namoc, etlichen Ministern, dem Direktor des Fernsehsenders CCTV, großen Filmproduzenten bis zu Zentralfiguren der Pekinger Gesellschaft wie der Enkelin des letzten chinesischen Kaisers Pu Yi, der auch in Wien gefeierten Operndiva Ning Liang oder der Tochter des "großen Vorsitzenden" Mao Zedong.

Gemein ist den Bewohnern der faszinierenden, zwischen kommunistischer Staatsräson und Turbokapitalismus mit enormen Wachstumsraten oszillierenden Metropole nicht nur Gastfreundschaft und Herzlichkeit, sondern auch ehrliche, authentische Begeisterungsfähigkeit, nein, gar Hunger nach der imperialen Tradition Österreichs. Und Kapital, dessen Potenzial sich nur erahnen lässt. Eine Einschätzung, die auch Alexandra Graski-Hoffmann, Geschäftsführerin des Messeveranstalters MAC Hoffmann, mit dem auf Gemälde der Klassischen Moderne, Lampen, Bronzen, Glas und Möbel spezialisierten Kunsthändler teilen.

Zurück auf dem europäischen Kontinent, also die erste Zwischenbilanz: Exzellente Kontakte sind erstellt, der Grundstein ist gelegt. Nun gilt es, darauf aufzubauen – in welcher Form, bleibt abzuwarten. Folgeausstellungen sowie eine Dependance liegen durchaus im Bereich des Möglichen. Wer Josef Schütz kennt, kann davon ausgehen, dass er, nach kurzem Genuss und temporärer Zufriedenheit des Erreichten, bereits Pläne schmiedet, österreichische Kunst und Antiquitäten in der Welt zu präsentieren und zu verbreiten. Fortsetzung folgt. Oder wie Konfuzius einst meinte: "Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen." (Gregor Auenhammer, DER STANDARD/ALBUM – Printausgabe, 5./6. November 2011)

  • 1950 entstand dieses in seiner expressionistischen Aura für das Schaffen
 des Willy Eisenschitz typische Gemälde. "Ibiza" ist nicht Teil der in 
Peking gefeierten Personale, sondern wird bis 13. 11. bei der "Art &
 Antique" in der Wiener Hofburg verortet. Preis: 75.000 Euro.
    foto: josef schütz

    1950 entstand dieses in seiner expressionistischen Aura für das Schaffen des Willy Eisenschitz typische Gemälde. "Ibiza" ist nicht Teil der in Peking gefeierten Personale, sondern wird bis 13. 11. bei der "Art & Antique" in der Wiener Hofburg verortet. Preis: 75.000 Euro.

  • Artikelbild
    foto: gregor auenhammer
  • Das National Art Museum of China.
    foto: gregor auenhammer

    Das National Art Museum of China.

  • Josef Schütz, Kurator der Ausstellung.
    foto: gregor auenhammer

    Josef Schütz, Kurator der Ausstellung.

  • Der Direktor des National Art Museum of China, Fan Di An.
    foto: gregor auenhammer

    Der Direktor des National Art Museum of China, Fan Di An.

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