Sarkozys Rettung der Weltwirtschaft fällt ins Wasser

3. November 2011, 19:37
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Ein kleines Land versetzt die Großen der Welt in Panik: Der Beginn des G-20-Gipfels stand ganz im Zeichen der Griechenland-Krise

Tam, tam, trommelt der buddhistische Mönch mit einem Kugelschreiber auf sein Holztäfelchen. Tam, tam macht auch die Zeitgeschichte im benachbarten Festivalpalast von Cannes. Im Minutentakt trudeln die Nachrichten aus Athen ein, so regelmäßig wie die hohen G-20-Staatsgäste, die Gastgeber Nicolas Sarkozy auf dem durchnässten Teppich begrüßt.

Barack Obama versucht die Lage mit einem Scherz zu entspannen: Er vertraue darauf, dass das neugeborene Präsidentenbaby Giulia Sarkozy eher der Mutter als dem Vater gleiche. Doch der US-Präsident bewirkt bei seinem französischen Kollegen nur ein leicht steifes Lachen. Man scherzt, man herzt, man speist zu Beginn gleich einmal zusammen - doch alle denken an das trojanische Pferd, das irgendwo unsichtbar im Gipfelgelände steht und den ganzen Anlass über den Haufen zu werfen droht.

Sarkozy versucht die Tagesordnung des zweitägigen Gipfeltreffens verzweifelt aufrechtzuerhalten. Erster Punkt: "Die Situation der Weltwirtschaft." Das ist gut gewählt oder sehr schlecht, genau genommen: Das griechische Chaos bedroht die 17 Länder der Eurogruppe, damit die 27-köpfige EU und damit die ganze Weltwirtschaft. Gewiss, die Europäer tun in Cannes ihr Bestes. "Wir werden eine Lösung für Griechenland finden", meint der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble nach einem Treffen zum künftigen Euro-Rettungsfonds ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus), das ebenfalls mehr Aufmerksamkeit gewinnt als die G-20-Debatten. "Abschirmung der Brandmauer", nennt das Angela Merkel in einer mitternächtlichen Pressekonferenz mit dem einzigen Thema: Griechenland.

Mehrfach wiederholt die deutsche Kanzlerin, die Ankündigung einer Volksabstimmung durch Griechenland stelle die EU-Partner vor eine "psychologisch neue Situation".

Kein Vergnügen

Offener äußert Sarkozy seine Wut, von Athen an der Nase herumgeführt worden zu sein: "Glauben Sie, dass wir das zum Vergnügen machen?", entgegnet er auf eine Journalistenfrage, ob das deutsch-französische Direktorium die anderen EU-Partner nicht schlicht übergehe.

Stunden später geht es in Cannes schon nicht mehr um die Volksabstimmung. Die Delegationen der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und die hunderten von Journalisten im Untergrund des Festivalgebäudes warten auf die neuesten Wendungen aus Athen. Dabei hatte Sarkozy diesen Gipfel monatelang vorbereitet; verhandelten seine Sherpas über so komplexe Themen wie Finanzmarktregulierung, Welthandel, Korruptionsbekämpfung, Nahrungsmittelknappheit oder Klimaerwärmung.

Doch mal ehrlich: Wer interessiert sich angesichts des griechischen Brandes, der sich zum europäischen Flächenbrand auszuweiten droht, noch für die globale Klimaerwärmung?

Der ganze Gipfel droht ins Regenwasser von Cannes zu fallen. Von Sarkozys ursprünglichem Bemühen, zum krönenden Abschluss seines G-20-Vorsitzes den "Kapitalismus zu reformieren" und ein neues Bretton Woods auszurufen, wird zum Schluss des Gipfels kaum etwas bleiben.

Athener Regie

Nicht einmal die Eurokrise, die er noch beim letzten EU/Euro-Gipfel vor einer Woche in Brüssel gemeistert glaubte, ist mehr unter Kontrolle. Ohnmächtig müssen Merkel und Sarkozy in Cannes mitverfolgen, wie ihnen die griechische Politik das Heft aus der Hand nimmt.

Tam, tam tröpfelt der Regen über das Festivalgebäude an der Croisette, wo sonst die Kinostars die rote Treppe hochsteigen. Jetzt läuft ein einziger Film, ein schlechter überdies, in dem die mächtigsten Politiker der Welt Statisten sind - oder noch schlimmer: bloße Zuschauer.

Fassungslos verfolgen die Russen, Brasilianer, Amerikaner, Inder und Chinesen in Cannes den Streifen "Apokalypse in Athen". Hinter der schönen Kulisse des G-20-Reigens herrscht in der Führungsetage des Planeten eigentlich nur Ohnmacht, dazu Angst vor dem großen Kollaps. Tam, tam macht der Kugelschreiber des Mönchs.(Stephan Brändle aus Cannes, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 4.11.2011)

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    Angesichts des Chaos in Athen standen auch Großbritanniens David Cameron die Haare zu Berge. Sarkozy rückte aus dem Fokus.

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