Mit Kalkül zum Exzess

3. November 2011, 17:13
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Das Leopold-Museum veranschaulicht das facettenreiche grafische Werk von Hermann Nitsch. Er träumte von unterirdischen Aufführungsorten für sein Orgien-Mysterien-Theater

Wien - Fein säuberlich aufgereiht liegt das Operationsbesteck auf dem weißen Tuch. Bei Seziermesser und Chirurgenschere handelt sich aber nicht um das Rüstzeug eines Arztes, sondern um das Inventar eines Altars, dessen kultischer Zweck in der klingenscharfen Penetration des Körpers zu liegen scheint. Die Fotos auf der gegenüberliegenden Wand des Raumes spiegeln einen ganz anderen Zugriff auf die Physis. Dort quellen Gedärme aus durchtränkten Bandagen hervor, nackte Gehirne garnieren männliches Gemächt, Blut ergießt sich über Schenkel.

Beim Überblick über das Orgien-Mysterien-(OM)-Theater prallen Präzision und Exzess aufeinander. Selten wurden diese für Nitsch charakteristischen Extreme so anschaulich aufbereitet wie jetzt im Leopold-Museum. Im Zentrum der Ausstellung steht jedoch das grafische Werk des 1938 geborenen Niederösterreichers.

Zeichnungen und Partituren lassen die planvolle Bedachtsamkeit erkennen, mit der der Wiener Aktionist schon früh zu Werke ging. So stellt die 300 Objekte umfassende Schau etwa Skizzen und Notizen zum Körperritual Penisbespülung (1965) neben Fotos aus, die die Ekelschwelle des Betrachters attackieren.

Das von Friedrich Nietzsche populär gemachte Begriffspaar "apollinisch - dionysisch", also der Sinn für Ordnung im Gegensatz zu rauschhaftem Schöpferdrang, liegt bei der Betrachtung von Nitschs Kunst nahe. Kurator Carl Aigner betont des Künstlers Interesse für das Unbewusste, aber nicht im Sinn von verdrängtem Begehren à la Freud, sondern als vegetativ-organische Dimension.

Flirrende Liniengeflechte

Nicht nur in seinen Aktionen, sondern auch in zahllosen Zeichnungen bietet Nitsch Begegnungen mit dem verdeckten Körperinneren. Muskeln, Arterien, Knochengerüste und immer wieder Darmschlingen, Leber- und Nierenformen überziehen Leinwände und Papiere. In seinem zweifachen Siebdruck Das letzte Abendmahl, dessen Liniengeflechte vor den Augen zu flirren beginnen, verbeugt sich Nitsch auch vor dem Vorreiter in der Künstleranatomie, Leonardo da Vinci.

Die Schau führt bis in die 1950er-Jahre zurück, als der Student an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt eine Kreuzigungsszene Rembrandts kopierte oder einen Bibeleinband mit Jesusfigur entwarf, deren Handhaltung an Egon Schiele denken lässt. Nitsch hat oft die große Bedeutung des Frühexpressionisten für sein Schaffen betont; in der Musik nahm Arnold Schönberg eine solche Vorbildrolle ein. Dem Komponisten wollte er aber nicht einfach nur nacheifern, und daher entwickelte er eine eigene Notenschrift. Raster und schwarze Blöcke kennzeichnen die Partituren, die anspruchsvolle Hörbilder für das Gesamtkunstwerk OM-Theater hervorbringen. Auch in Farben vernimmt der Aktionist Musik: Warm leuchtende Farbskalen sollen Klangerlebnisse evozieren.

Einen spannenden Schwerpunkt bilden Nitschs Architekturzeichnungen. Auch dort dominieren Organformen, die er aber durchaus im baulichen Sinn verstand. Inspiriert von utopischen Architekturen Hans Holleins oder Walter Pichlers begann er Aufführungsorte für das OM-Theater zu ersinnen, die auch unter die Erde führen sollten. Im Zentrum dieser Pläne, die wie Unterirdische Stadt auch urbane Formationen darstellen, steht meist ein kreuzförmiger Bau. Centrale uterale Kreuzflutkammer Herzkammer untertitelt Nitsch 1976 eines dieser an eine Kapelle oder ein Mausoleum gemahnenden Objekte. In der Radierung Grablegung schließlich kehrt der tote Mensch zurück ins Organische. Nitschs jüngste Arbeit, ein monumentales Schüttbild, tröstet aber pfingstgelb mit der Aussicht auf Auferstehung.   (Nicole Scheyerer / DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2011)

Bis 30. 1.; eine weitere Ausstellung des Künstlers eröffnet am 17. 11. in der Nitsch Foundation, 19.00

  • Hermann Nitschs aufwändig auf einem Auktionsrelikt reproduzierte Kaltnadelradierung "Grablegung" entstand 2006/07 in Zusammenarbeit mit dem Kunstdrucker Kurt Zein.
    foto: vbk, wien 2011

    Hermann Nitschs aufwändig auf einem Auktionsrelikt reproduzierte Kaltnadelradierung "Grablegung" entstand 2006/07 in Zusammenarbeit mit dem Kunstdrucker Kurt Zein.

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