Grünes Wachstum - mit Atomenergie

3. November 2011, 13:29
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Südkorea will mit Kernenergie für eine saubere Umwelt kämpfen, sagt der ehemalige Premier Han Seung-soo

Der ehemalige südkoreanische Premier Han Seung-soo erläutert im Gespräch mit Fabian Kretschmer die "Green Growth"-Strategie seines Landes - und warum Südkorea trotzdem auf Atomenergie setzt.

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Standard: Was genau bedeutet Green Growth?

Han: Südkorea hat sich während der letzten fünfzig Jahre rasant entwickelt. Wir wurden vom Nehmer- zum Geberland. Während dieser Entwicklung wurde wirtschaftliches Wachstum forciert, aber die Umwelt vernachlässigt. Mittlerweile haben wir die Herausforderung des Klimawandels erkannt. Das Green-Growth- Konzept versucht, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Das grüne Wachstumsparadigma garantiert uns wirtschaftliches Wachstum bei gleichzeitiger Umweltverträglichkeit. Wir sind das erste Land in der Welt, das dieses in die staatliche Politik implementiert hat. Das Green-Growth-Institut hilft uns, unser Paradigma in die Entwicklungsländer zu tragen. Denn wir, die entwickelten Länder, haben die Kapazitäten, Arbeitskräfte und Ideen, um das Programm aufzubauen. Entwicklungsländer haben diese Möglichkeiten nicht.

Standard: Wie kamen Sie zu der Green-Growth-Bewegung?

Han: Schon als Premierminister von Südkorea habe ich stets versucht für das grüne Wachstum zu werben. Im August 2009 hat Präsident Lee Myung-bak seine "Low Carbon Green Growth"-Strategie als Vision des Landes angekündigt. Diese setzen wir in politische Handlungen um. Mit dieser Strategie waren wir übrigens auch während der Finanzkrise das erste OECD-Land, das aus der Stagnation herausgekommen ist.

Standard: Wie sieht die internationale Zusammenarbeit des Green- Growth-Instituts aus?

Han: Dänemark ist einer unserer stärksten Verbündeten. Im März fuhr Lee Myung-bak nach Kopenhagen und hat dort eine Green- Growth-Allianz gegründet. Das hat es bei uns noch nie gegeben - die erste nichtmilitärische Allianz. Ebenfalls bekommen wir starke Unterstützung von den Vereinigten Arabischen Emiraten. In Abu Dhabi wurde eine weitere Filiale von uns im Juli eröffnet. Zusätzlich haben uns Australien, Japan und Deutschland finanzielle Unterstützung zugesagt. Ich hoffe, dass wir immer mehr entwickelte Länder in unsere Arbeit einbinden können, damit wir den Entwicklungsländern helfen können.

Standard: Trotz der Green-Growth-Strategie expandiert Südkorea weiterhin im Bereich Nuklearenergie. Wieso ist das notwendig?

Han: Atomenergie ist nicht Teil unserer Green-Growth-Strategie. Wir wollen saubere, CO2-arme Energie. Dazu zählen unter anderem die erneuerbaren Energien wie Solar- und Windenergie, aber auch Atomenergie. Wenn wir mit dem Klimawandel fertigwerden und die massiven CO2-Ausstöße reduzieren wollen - was sind dann die jetzigen Alternativen? Solarenergie kann nur auf lange Sicht eine Lösung sein. Windenergie kann ebenfalls nicht die Elektrizität, die Atomenergie generiert, ersetzen. Leider gibt es für die nächsten zwanzig, dreißig Jahre keine andere Lösung. Südkorea hängt zu 36 Prozent von Atomenergie ab - bei Frankreich ist es noch mehr. Besonders jene, die besorgt sind über das Schicksal der Menschheit, sind nicht gegen Atomenergie. Wenn wir so weitermachen, dann wird bis zum Ende des Jahrhunderts die Temperatur um sechs bis zehn Grad Celsius steigen. Dann können weder Tiere noch Pflanzen auf der Erde überleben.

Standard: Haben die tragischen Ereignisse in Fukushima nicht zu einem Umdenken geführt?

Han: Das war ein unvorhersehbarer Unfall. Niemand konnte erwarten, dass Fukushima von einem zehn Meter hohen Tsunami getroffen wird.

Standard: Wie wollen Sie den weltweit größten Umweltverschmutzer China mit an Bord holen?

Han: Die Chinesen verursachen fast 20 Prozent des Carbondioxid-Ausstoßes weltweit. Deshalb ist es ihre Pflicht, den fossilen Brennstoffausstoß zu reduzieren. Genau das tun sie gerade, indem sie auf andere Energiequellen wie Wasserkraft-, Solar- und Atomenergie setzen. Die Regierung Chinas ist sich des Umweltproblems bewusst. Nur will sie ihre Handlungen nicht von internationalen Organisationen überprüfen lassen. Deshalb brauchen wir verstärkt "bottom up"- und weniger "top down"-Ansätze. Momentan verlässt sich die UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) zu sehr auf "top down"-Regulierungen wie etwa das Kioto-Protokoll. Sie werden jedoch immer unattraktiver für die meisten Länder. (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2011)

Han Seung-soo (74) war Außen-, Wirtschafts-, Handels- und Finanzminister und 2008-2009 Premierminister von Südkorea. Seit 2010 ist er Vorstandsvorsitzender des Global Green Growth Institute mit Sitz in Seoul.

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    Südkoreas Ex-Premier Han Seung-soo forciert und "exportiert" das "grüne" Wirtschaftswachstum seines Landes. Auf diesem Weg sollen auch Entwicklungsländer unterstützt werden. 

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