Nächster Neustart des Nationalteams

31. Oktober 2011, 14:37
52 Postings

Ein neues Trainerteam soll Österreichs Eishockey aus der der Zweitklassig­keit ­führen. Wichtiger sind jedoch längst fällige Reformen

Seit dem enttäuschenden Abschneiden bei der Weltmeisterschaft in der Slowakei sind einige Monate vergangen, mit dem näher rückenden International Break drängt sich das Nationalteam nun wieder in den Vordergrund des Eishockey-Interesses. Im Juli wurde ein externes Consulting-Unternehmen mit einer Strategie- und Strukturreform des Österreichischen Eishockey-Verbandes (ÖEHV) beauftragt, deren Ziel die „Umstrukturierung in eine zeitgemäße und zukunftsorientierte Non-Profit-Organisation" (ÖEHV-Präsident Dieter Kalt) ist. Worte, die implizieren, dass der Verband bisher unzeitgemäß und nicht zukunftsorientiert gearbeitet hat.

Abgeschlossene Analyse

Die Ergebnisse dieser Analyse liegen mittlerweile vor und werden nun intern diskutiert, wann mit der Umsetzung begonnen wird, steht noch nicht fest. Klar ist jedoch, dass der Verband eine tiefgreifende Reform in struktureller, inhaltlicher und personeller Hinsicht benötigt (siehe „Österreichs Eishockey braucht Innovationen" vom 9. Mai 2011), will er die in den letzten Jahren immer größer gewordene Kluft in Sachen Professionalität zwischen Verband und Liga schließen. Allzu oft erwies sich in jüngerer Vergangenheit die unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeit von ÖEHV und EBEL - teils miteinander verzahnt, teils von diametral unterschiedlichen Interessen geleitet - als großer Hemmschuh für das österreichische Eishockey.

Neue Nationaltrainer

Bereits verändert wurde die sportliche Leitung des Nationalteams: KAC-Trainer Emanuel Viveiros wurde zum neuen Head Coach ernannt und erhielt nicht nur den von ihm gewünschten Vertrag über drei Jahre, sondern auch ein weitreichendes Mitspracherecht bei den Trainerbestellungen in den Nachwuchsteams bis hinunter zur U15. So wurden die Betreuerstäbe im A-, U20- und U18-Nationalteam fast zur Gänze neu besetzt, lediglich Torwarttrainer Markus Kerschbaumer behielt seinen Job. Bemerkenswert: Von den nunmehr neun Coaches dieser drei Mannschaften sind lediglich drei in Österreich geboren.
Neuer Assistent von Viveiros ist der in Linz aktuell so erfolgreiche Kanadier Rob Daum, eine wichtige Funktion erfüllt zudem der neue U20-Nationaltrainer Christian Weber aus der Schweiz, der auch dem Stab des A-Nationalteams angehört und so als Bindeglied am seit Jahren vernachlässigten Übergang zwischen Junioren- und Seniorenbereich fungiert.

Zwei Turniere

Vergangene Woche nominierte Emanuel Viveiros seinen ersten Teamkader. Dieser legt nahe, dass die anstehende Euro Ice Hockey Challenge vom 11. bis 13. November in Ungarn (Gegner: Italien, Japan und die Gastgeber) vornehmlich zum Testen und Experimentieren genützt werden soll. Einen guten Monat später, wenn in Klagenfurt das Vier-Nationen-Turnier anlässlich des 100-jährigen Verbandsjubiläums ausgetragen wird (Gegner: Schweiz sowie Belarus oder die Slowakei), ist mit einem ganz anderen und deutlich stärker besetzten Team zu rechnen.

Der Premierenkader

Nach Miskolc reist die ÖEHV-Delegation mit einem sehr jungen (Durchschnittsalter: 22,5 Jahre) und international recht unerfahrenen Team: Der 25-köpfigen Auswahl gehören vier Debütanten (Höneckl und Brucker aus Salzbrug, Hartl vom VSV und Holst von den Vienna Capitals) an, im Schnitt kann jeder der Nominierten auf nur 9,5 Länderspieleinsätze verweisen. Neben den drei Legionären Ulmer, Komarek und Raffl verdienen 22 Cracks ihr Geld in der heimischen Erste Bank Liga, wo sie bisher im Schnitt 183 Einsätze absolvierten, sich in der Regel aber nur im dritten oder vierten Block ihres jeweiligen Klubs wiederfinden: So ist Markus Pirmann (22) vom KAC der statistisch gesehen zuverlässigste Scorer unter den EBEL-Spielern im Kader - mit einem Schnitt von 0,33 Punkten pro Karriereeinsatz in der Bundesliga.

Fehler der Vergangenheit

Mit dem experimentellen Kader für die Euro Ice Hockey Challenge wandelt Viveiros auf den Spuren seines wenig erfolgreichen Vorgängers Bill Gilligan. Dieser brachte im Verlauf der vergangenen Länderspielsaison nicht weniger als 62 verschiedene Spieler zum Einsatz, ein richtiges Mannschaftsgefüge konnte sich so nie richtig entwickeln. Erschwerend hinzu kam, dass Schlüsselspieler wie Matthias Trattnig oder Thomas Koch mit nur einem von 14 möglichen Teameinsätzen zur WM in die Slowakei kamen.

Österreichs Nationalteam spielt in dieser Saison nur zweitklassig, möchte im April in Ljubljana gegen Slowenien, Ungarn, Großbritannien, Japan und die Ukraine die Rückkehr in die A-Gruppe schaffen - es wäre der vierte direkte Wiederaufstieg in Serie. Um sich dort längerfristig zu etablieren, bedarf es in erster Linie einer strukturellen und inhaltlichen Neuausrichtung des nationalen Eishockeys. Je mutiger der Österreichische Eishockeyverband in den kommenden Wochen in diesen Fragen agiert, desto größer sind die Chancen, dass sich das Nationalteam in jene Sphären spielt, in denen die Liga bereits angekommen ist - unter den weltweiten Top 10. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 31.Oktober 2011)

TV-TIPP
Der neue Co-Trainer des Nationalteams, Rob Daum, diskutiert im Rahmen der Sendung „Sport und Talk aus dem Hangar 7" am Montag (31.Oktober 2011) ab 21.05 Uhr live bei ServusTV mit Teamspieler und Salzburg-Kapitän Matthias Trattnig, dem Coach der Vienna Capitals, Tommy Samuelsson, KAC- und Teamstürmer David Schuller und EBEL-Referee Christian Kaspar. Themen sind der Entwicklungsstand des österreichischen Eishockeys, das Nationalteam, die Verbesserungen im Schiedsrichterwesen sowie die Philosophien der neu in die Liga gekommenen, international renommierten Trainer.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der neue Nationaltrainer Emanuel Viveiros (li.) und ÖEHV-Präsident Dieter Kalt

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Hängende Köpfe nach der WM-Pleite. Für Oliver Setzinger (li.) ist das Kapitel Nationalteam mittlerweile Geschichte, nach seiner Kritik am Verband wird er zukünftig nicht mehr nominiert.

Share if you care.