Türkbook Top Ten

29. Oktober 2011, 20:03
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Was liest die Türkei im Herbst? Historienschinken und die PR-Tante Elif Şafak

Was liest die Türkei in diesen Wochen, wo das Land mit der Erdbebenkatastrophe am Van-See beschäftigt ist, dem neuen Feldzug gegen die PKK und dem heranrollenden Opferfest (6. bis 9. November)? Die Buchbeilage der Tageszeitung Radikal veröffentlicht jeden Freitag eine Liste der meistverkauften Bücher. Derzeit sind es ganz überwiegend ausländische Autoren – acht unter den ersten zehn Bestsellern, davon zwei auch noch vom selben Schriftsteller (Umberto Ecos durchgefallener Roman „Der Friedhof in Prag“ und die Selbstbeschau „Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers“). Gewöhnlich ist es umgekehrt: Türkische Autoren setzen sich leicht in den großen Buchhandlungen in Istanbul, Izmir und Ankara durch.

Iskender Pala aber führt diese Woche die Liste an. Der Literaturprofessor an der Istanbul Universität ist gewissermaßen im pädagogischen Fach geblieben und hat einen weiteren Historienroman auf den Markt geworfen: "OD" - "Feuer" (oder „Ode) – beschäftigt sich mit Yunus Emre, dem Dichter aus dem 13. Jahrhundert, Pflichtlektüre für türkische Gymnasiasten. Zülfü Livanelli dagegen, ein Allround-Talent (singt, spielt, schreibt) und seines humanitären Engagements wegen sehr geschätzt, ist aus den Top Ten herausrotiert. Sein Roman "Serenad", eine leichtfüßig geschriebene – ebenfalls historisch angelegte – Szenenfolge türkisch-armenischer Familien- und Liebesbeziehungen Anfang des 20. Jahrhunderts, hielt sich dort seit dem Frühjahr. Ähnlich erging es Murathan Mungan mit seinem Fantasieroman "Dichterroman". Nicht wenige Literaturkritiker (und Buchhändler) im Land halten Mungan als den derzeit wichtigsten und weit anspruchsvolleren Schriftsteller als Orhan Pamuk, den Nobelpreisträger.

Mungan ist schwul und besteht darauf, dass sein Publikum ihn auch so wahrnimmt. Elif Şafak dagegen, die kein Jahr ohne Roman vorbeigehen lässt, hat kurz für das Cover ihres jüngsten Werks cross-gedressed: Madame steht bei "Iskender" einmal im Sakko herum und auf der Innenseite des Buchdeckels das andere Mal in der Lederjacke. Riesenaufregung. Nicht weil eine Frau sich in der Türkei grundsätzlich nicht wie ein Mann kleiden sollte. Sondern weil Şafak eine PR-Masche für ihr neues Buch gestrickt hat. "Es ist ein Projekt, kein Roman", sagt ein Buchhändler in einem der kleinen Läden hinter dem Istiklal. Elif Şafak – sie lebt in Scheidung mit Eyüp Can, dem Chefredakteur von Radikal, - hatte schon einmal ein "Projekt" unter ihren Romanen: "Die 40 Regeln der Liebe", eine Neuadaption der 40-Tages-Beziehung des persischen Sufi Shams mit Rumi in Konya. Das Netzwerk des Predigers Fethullah Gülen soll angeblich den Verkauf beflügelt haben. (Auch Chefredakteur Can soll eine Installation der Firma Gülen sein, heißt es bei den Anhängern der Verschwörungstheorien)

In einer ersten Buchkritik hatte der Kolumnist Cüneyit Özdemir in eben der Tageszeitung Radikal die Polemik über das Coverfoto höflich abgewogen. Andere Autoren wie Orhan Pamuk machen Werbung schon allein mit ihrem Namenszug auf dem Buchdeckel, meinte Özdemir. PR an sich ist also kaum verwerflich. Elif Şafak habe aber etwas Neues probiert, indem sie als Autorin selbst den Protagonisten ihres neuen Romans darstellt – Iskender, einen jungen Kurden aus dem Südosten. Ob es auch ein Erfolg ist, müsse sich erst noch zeigen, schrieb Özdemir im Sommer, als Şafaks Roman rechtzeitig zum Strandurlaub erschien. „Iskender“ konnte sich am Ende nur einen Monat an der Spitze halten und ist mittlerweile auf den dritten Platz abgerutscht.

Die wirkliche Vernichtung folgte im September im Buchmagazin Mesele. Die Leute glauben, Şafaks Bücher seien gut, weil sie die Aussagen und Bedeutungen ihrer Akteuer "einfriere" und am Ende alles aussehe wie eine japanische Landschaft, schrieb Semra Topal, selbst Schriftstellerin, in Mesele. In "Iskender" habe Şafak diese Eigenart auf die Spitze getrieben. Ergo das Coverfoto. Die Charaktere in "Iskender" würden nicht mehr wirklich miteinander zu tun haben, von der versprochenen Infragestellung und Dramatisierung des Mannseins und Mannwerdens in der Türkei sei in diesem Roman nichts zu lesen.

Andererseits ist Lesen schon einmal besser als gar nicht Lesen und nur Süperlig auf dem Flachbildschirm Schauen. Sagt auch Elif Şafak.

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