Bildungspolitik nach Umfragen

Kommentar der anderen28. Oktober 2011, 18:20
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Schulreform nach Art des Vizekanzlers - von Bernd Schilcher

Vizekanzler Spindelegger hat die Diskussion um die gemeinsame Schule für beendet erklärt."Es gibt zukünftig die Neue Mittelschule und das Gymnasium und das bleibt so." Warum auf einmal so entschieden, fragen sich die Bürger/-innen? Das kennt man sonst vom Juniorpartner der Koalition gar nicht. Was macht den VP-Chef so sicher? Hat er sich die Erfahrungen in den 80 Prozent der europäischen Länder genau angesehen, die eine solche gemeinsame Schule seit vielen Jahren eingeführt haben? Oder kennt er auf einmal die Ergebnisse unserer Schulen bis zum 15. Lebensjahr, die ihn so überzeugt haben?

Also: 9000 Schüler/ -innen jährlich, die ohne Abschluss die Hauptschule, die Sonderschule oder die AHS-Unterstufe verlassen; 28 Prozent der 15-Jährigen, die nicht lesen können und daher 17 Prozent aller 15- bis 24-jährigen, die keinen Abschluss und keinen Job haben und zu frühen Sozialfällen werden? Machen ihn diese "Erfolge" so sicher?

Die aufgezeigten Fakten sind ein schlichter Skandal für ein reiches Kultur-und Industrieland. So mies war Österreich schon lange nicht mehr ins seiner Schulpolitik - oder besser gesagt, in seiner Nicht-Politik. Arbeitgeber suchen verzweifelt nach guten Lehrlingen und Facharbeitern - wie nach hochqualifizierten Spitzenkräften. Viele sind mittlerweile gezwungen, nach Polen zu gehen, weil es dort genügend Fachkräfte und Hochqualifizierte gibt. Wir zahlen hingegen mit unsren Steuern die jährlich wachsenden Sozialkosten für die frühen Sozialfälle in Milliardenhöhe, weil wir die - ungleich geringeren - Mittel für eine qualitätsvolle Frühförderung und ganztägige gemeinsame Schulen nicht aufbringen. Mit dieser Trias hat man in allen fortschrittlichen Ländern die Potentiale der bildungsfernen Schichten mobilisiert und gleichzeitig die Begabtesten gefördert. Wir tun nichts.

Warum ist Herr Spindelegger als Obmann der Partei mit angeblicher "Wirtschaftskompetenz" dann so entschieden gegen die gemeinsame Schule? Die Frage ist leicht beantwortet. Er hat eine Umfrage in Händen, nach der die ÖVP fünf Prozent ihrer Wähler verliert, wenn sie bei der Einführug der gemeinsamen Schule mittut. Also tut man nicht mit.

Politik nach Umfragen - und nicht vielleicht nach tieferen Einsichten und inneren Überzeugungen. Das kennt man in meiner Partei offenbar gar nicht mehr. Sich nach intensivem Studium aller vorhandenen Erfahrungen in der Europäischen Union, der OECD bei den Nachbarn - zum Beispiel Südtirol - und allen erfolgreichen Ländern eine Meinung zu bilden, Mitstreiter zu suchen und anders Denkende zu überzeugen. Brauch ma net: Wir haben eh a Umfrage. Also werden die gebildeten Mittelschichten weiterhin im Dunkeln gelassen und somit gezwungen, ohne ihr Wissen die wachsende Zahl der frühen Sozialfälle mit ihren Steuern zu finanzieren. Auch eine Art der Klientelpolitik.

Ich hoffe nur, dass das Volksbegehren auch diese Bürgerinnen und Bürger aufwecken wird. Noch mehr Sozialkosten - oder eine Schulpolitik der Zukunftssicherung, das ist - leider - die Alternative. (Bernd Schilcher, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2011)

BERND SCHILCHER, Jg. 1940, ehemals steirischer Landesschulratspräsident, ist Leiter der Expertenkommission zur Schulreform und des Redaktionsteams für das kommende Woche stratende Bildungsvolksbegehren.

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    Schilcher: Weiß Spindelegger, wovon er spricht?

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