"Keine Sonne kann meine Nacht töten"

28. Oktober 2011, 18:33
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Der argentinische (Film-)Erzähler Edgardo Cozarinsky unternimmt mit seinem poetischen Essay "Nocturnos" eine kleine Reise in die Nacht, in der das sommerliche Buenos Aires die eigentliche Hauptrolle spielt

Taxifahrer sind privilegierte Zeugen des nächtlichen Geschehens. Sie erleben, wenn sie die entsprechende Schicht fahren, wie sich die Stimmungen vom späten Abend bis zum frühen Morgen immer wieder verändern. Es gibt, das weiß ja schon der Volksmund, ausdrückliche "Nachtmenschen", das Taxi ist ihr bevorzugtes Gefährt. Von den Geschöpfen der Nacht erzählt Edgardo Cozarinsky in seinem einstündigen poetischen Essay Nocturnos, in dem das sommerliche Buenos Aires die eigentliche Hauptrolle spielt.

In verstreuten Szenen, die zum Teil auf literarischen Vorlagen beruhen, und die mit Texten von Gottfried Benn bis Jorge Luis Borges ergänzt werden, sammelt Cozarinsky die nächtlichen Stimmungen ein. Ein Taxilenker ist dabei sein zentraler Erzähler, er sieht Szenen wie die von dem Mädchen, das vergebens an einer Haustür läutet.

Ein Paar gerät auf einer Parkbank in einen Streit, ein Mann liegt neben einem schönen Mädchen im Bett - hier gibt Cozarinsky später das Motiv zu erkennen, es handelt sich um eine Geschichte von Yasunari Kawabata, einem japanischen Klassiker der Moderne. Für Cozarinsky, der lange Zeit in Paris im Exil gelebt hat, nun wieder häufig in seiner Geburtsstadt Buenos Aires ist, bedeutet Nocturnos eine Art Rückkehr zu seinem Spielfilm Ronda Nocturna (2005), in dem er einem Stricher durch die Stadt gefolgt war.

Zugleich schließt sich ein Kreis zu seinen literarischen und filmhistorischen Beschäftigungen, vor allem in der starken Schlussszene, in der historische Aufnahmen von der Bombardierung Madrids 1937 verwendet werden, um den Gedanken einer älteren Dame zu veranschaulichen: Für sie ist Erinnerung auch etwas, was man erben kann, von den Generationen davor und deren Erfahrungen.

Dieser Gedanke ist für das Gesamtwerk von Cozarinsky konstitutiv, er tritt in seinen Büchern immer wieder in fremde Geschichten ein, um sie so dem Vergessen zu entreißen, und er findet in alten Filmen immer wieder nicht nur Zeugnisse, sondern Ansätze zu "imaginierten Biographien".

Ein wesentliches Moment von Nocturnos verdient schließlich noch, eigens hervorgehoben zu werden: Die Musik von Ulises Conti prägt sehr stark die elegische Stimmung dieser nicht allzu langen Reise in die Nacht, in der frühmorgens ein Verzweifelter einen besonders schwarzen Satz äußert: "Keine Sonne kann meine Nacht töten." Vielleicht müsste er ein Kino aufsuchen, um sich mit der Nacht zu versöhnen. Vielleicht findet er auch in einem Tango ein wenig Belebung. Edgardo Cozarinsky jedenfalls macht in der Dunkelheit auch eine große Wärme spürbar. (Bert Rebhandl, DER STANDARD - Printausgabe, 29./30. Oktober 2011)

  • 29. 10., Künstlerhaus, 21.00
  • 30. 10., 23.30
  • Geschöpfe der Nacht, betrachtet aus der Perspektive eines Taxilenkers.
    foto: viennale

    Geschöpfe der Nacht, betrachtet aus der Perspektive eines Taxilenkers.

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