Schriftsteller und Politiker Jiří Gruša gestorben

28. Oktober 2011, 16:23
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Ex-Chef des internationalen PEN-Klubs wurde 72 Jahre alt

Bad Oeynhausen/Wien - Der erscheint mir als der Größte, / der zu keiner Fahne schwört, / und, weil er vom Teil sich löste, / nun der ganzen Welt gehört. In diesem Gedicht, als dessen Autor er Rilke sofort erkannte, fand Jiří Gruša sich in einem Standard-Gespräch im März 2004 in gewisser Weise wieder. Wenig erstaunlich: War doch Rilke, dessen Duineser Elegien er später ins Tschechische übersetzte, seine erste bewusste Begegnung mit der deutschen Sprache. Diese wurde dann sein literarisches Medium.

Jiří Grušas Biografie ist eine aus dem mitteleuropäischen Bilderbuch: am 10. November 1938, vier Monate vor dem Einmarsch Hitlerdeutschlands in der Tschechoslowakei, in eine böhmische Beamtenfamilie in Pardubice geboren (unter den Vorfahren der Wiener Erzbischof Anton Joseph Gruscha, 1820-1911); unter den Kommunisten dissidenter und verfolgter Literat an der Seite Václav Havels; 1981 Zwangsausbürgerung; 1990-97 tschechoslowakischer bzw. tschechischer Botschafter in Deutschland, danach tschechischer Bildungsminister; 1998- 2004 Botschafter in Österreich, 2005-2009 Direktor der Diplomatischen Akademie Wien; 2004- 2009 Präsident des internationalen PEN-Clubs.

Auch sein letztes Werk schrieb Gruša auf Deutsch: Beneš als Österreicher. Darin vergleicht er den Werdegang des umstrittenen tschechoslowakischen Präsidenten mit jenem Hitlers. Bittere Ironie: Die tschechische Übersetzung stand in Prag wochenlang in den Bestsellerlisten, aber die Herausgabe des deutschen Originals durfte Gruša nicht mehr erleben. Am Freitag verstarb er in einer Spezialklinik in Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen) während einer Herzoperation. (jk, DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2011)

 

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    Jiří Gruša

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