Alle paar Monate fangen wir an, Tischerl zu rücken

24. Oktober 2011, 10:38
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Wien-Modern-Festivalleiter Matthias Losek über sein Faible für die Farbe Pink und die unorthodoxe Rollenverteilung bei der Wohnungsgestaltung

Kommenden Freitag startet das Musikfestival Wien Modern. Festivalleiter Matthias Losek empfing Wojciech Czaja in seiner rosa ausgemalten Wohnung in Wien-Alsergrund.

"Das ist ein Innenhofhaus hinter der Medizinischen Universität. Das Gebäude gehört dem Stift Heiligenkreuz und steht unter Denkmalschutz. Wir haben insgesamt rund 80 Quadratmeter. Die Wohnung ist alles andere als perfekt renoviert. Es gibt einen alten Schiffsboden, bucklige Wände und knarrende Türen.

Doch das Beste ist: Wir wohnen im vierten Stock ohne Lift. Wenn man nach Hause kommt, dann ist man gewissermaßen abgeschieden von der Stadt. Es ist hell und leise, und der Verkehr ist wie ausgeblendet. Es ist, als würden wir in einem Turm wohnen – besser gesagt in einem Turmzimmer.

Was die Gestaltung der Wohnung betrifft, haben meine Frau und ich eine etwas unorthodoxe Rollenverteilung. Ich bin zuständig für die Planung und Konzeption, und Angelika ist zuständig für die handwerkliche Ausführung. Die Aufteilung macht uns beide total glücklich. So habe ich mehr oder weniger das ganze Farbprogramm ausgesucht, und Angelika ist dann diejenige, die streicht, lackiert und lasiert.

Ja, auch die rosa Wand im Wohnzimmer war zum Erstaunen vieler Leute meine Idee und nicht die meiner Frau. Pink ist für mich, entgegen allen Klischees, eine sehr edle und distinguierte Farbe. Sie ist nicht so aggressiv wie Rot und nicht so aufdringlich wie Orange. In Kombination mit Blau- und Türkistönen ergibt das ein ganz wunderbares Flair. Das ist eine richtige Herbstwohnung, finden Sie nicht?

Ich würde den Stil als 'Shabby Chic' bezeichnen, als eine Art Crossover zwischen Pink und Violett, zwischen Alt und Neu, zwischen Tradition und Avantgarde. Ein bisschen erinnert mich diese Wohnung an das Swinging London der Sechzigerjahre! Gäbe es Zeitmaschinen, wäre das genau die Zeit, in die als Erstes ich reisen würde. Ich hab's überhaupt mit Großbritannien, wie man unschwer erkennt. Ich war schon viel in England und arbeite auch heute noch immer wieder mit Briten zusammen.

Das schönste britische Möbelstück ist dieser Fauteuil, in dem ich gerade sitze. Damit hat mir Angelika zum 40. Geburtstag vor zwei Jahren ein riesengroßes Geschenk gemacht. Den Stuhl hat sie irgendwo bei einem Altwarentandler aufgegabelt, und das Stoffmuster ist ein eigens entwickelter Tartan, den sie bei der Scottish Tartan Authority offiziell registrieren ließ. Der McLosek-Tartan in Pink, Violett und Cyan ist somit rechtlich geschützt. In der Küche haben wir auch ein paar Polster und Sitzbezüge damit gemacht. Angelika hat sogar einen Schal aus diesem Tartan. Und nein, einen Kilt habe ich noch nicht.

Die restlichen Möbel sind – so wie alles hier – ein wilder Mix. Das Sofa ist von Ikea, die Teppiche sind über Umwege zusammengekauft, der Sekretär ist ein Familienerbstück, und das Poster hinter mir ist ein italienisches Filmplakat zu Doktor Schiwago, ein Originalstück aus den Sechzigerjahren. Der Ledermantel an der Wand ist übrigens eine Requisite aus La Bohème von den Bregenzer Festspielen 2001 und 2002. Den hat die Musetta getragen. Jetzt hängt er bei uns im Wohnzimmer. Einziger Nachteil: Der Kragen ist der perfekte Staubfänger.

Überhaupt kann man sagen: Fixe Möbel, das ist nichts für uns. Alle paar Monate fangen wir an, zu schieben und Tischerl zu rücken. Dann wird die ganze Wohnung erbarmungslos auf den Kopf gestellt. Meistens passiert das aus unerfindlichen Gründen zu Mitternacht. Keine Ahnung, warum. Das ist dann der innere Schweinehund, der sich aus dem Off zu erkennen gibt. Ende November geht Wien Modern zu Ende. Ich weiß jetzt schon, dass ich am nächsten Tag ausgepowert in der Wohnung herumhängen werde und schon bald die ersten Quietschspuren auf dem Parkett zu hören sein werden." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.10.2011)

MATTHIAS LOSEK, geboren 1969 in St. Pölten, wohnt mit seiner Frau Angelika Losek, die im British Council tätig ist, in einer Innenhofwohnung in Wien-Alsergrund. Er studierte Geschichte und Germanistik in Wien und zog danach nach Bregenz, wo er als Assistent des Intendanten, später als persönlicher Referent David Pountneys arbeitete.

2007 zog er nach Wien und wurde Berater für Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Seit 2010 ist Losek Leiter von Wien Modern. Das Festival für Gegenwartsmusik startet am Freitag, dem 28. Oktober. Die heurigen Schwerpunkte sind Friedrich Cerha und Musik aus United Kingdom.

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www.wienmodern.at

  • Matthias Losek in seinem "Turmzimmer" in Wien. Der Stoffbezug des Fauteuils ist ein selbstentworfener schottischer Tartan und ist rechtlich geschützt. Foto: Lisi Specht
    foto: lisi specht

    Matthias Losek in seinem "Turmzimmer" in Wien. Der Stoffbezug des Fauteuils ist ein selbstentworfener schottischer Tartan und ist rechtlich geschützt.
    Foto: Lisi Specht

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