Gefährliche Munition in den Straßen

28. August 2003, 13:54
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Vermeintliches "Spielzeug" verletzt und tötet Kinder - öffentlich Bedienstete erhalten seit Wochen kein Gehalt mehr

Die größten Probleme vor Ort stellen zur Zeit nicht explodierte Minen, Munition und Streubomben dar. Auch von den Verteidigern zurückgelassene Kampfpanzer und anderes verlassenes Kriegsgerät ist aufgrund der darin gelagerten Munition eine weitere Gefahr. Sehr erfahrene Minen-Experten des Internationalen Roten Kreuzes bezeichnen die Situation im Irak als dramatisch.

Immer wieder werden Kinder schwer verletzt oder getötet, weil sie nicht explodierte Streubomben-Teile finden und damit spielen. Diese Explosivstoffe sehen aus wie halbgroße Getränkedosen mit Fransen, sie sind bunt und wirken von außen für Kinder wie "Spielzeug". Besonders dramatisch sind Zwischenfälle, wo derartige Munition erst nach mehreren Minuten des Spielens – dann mitten unter vielen Kindern - explodiert. Das sind leider keine Einzelfälle, alleine im Bereich der irakischen Hauptstadt Bagdad sind über 700 gefährliche Stellen, an denen Explosivstoffe liegen, bekannt. Wie viele dieser hinterhältigen Fallen noch unbekannt sind, kann niemand auch nur abschätzen.

Informationskampagne hat begonnen

Das Internationale Rote Kreuz (IKRK) hat mit einer Informationskampagne begonnen. Über Hörfunk- und Fernsehspots wird die Bevölkerung über die extrem gefährlichen Minen und Explosivstoffe aufgeklärt. Eltern werden gebeten, ihren Kindern die Gefahren zu erklären. Gemeinsam mit den lokalen Organisationen wurde das Informationsprogramm großflächig gestartet, um zu verhindern, dass viele weitere Menschen, hauptsächlich Kinder, zu schaden kommen.

Gefährliche Plätze werden gekennzeichnet, Broschüren mit Comics und Poster warnen vor den Gefahren durch Explosivstoffe. Auch mit den Kommandanten der Koalitionsstreitkräfte stehen wir in dauerndem Kontakt und melden gefährliche Regionen, damit die Räumung durch die Armeen veranlasst werden kann. Der Schutz der unbeteiligten Zivilbevölkerung ist Aufgabe der Besatzungsarmee, so sagt es das vierte Genfer Abkommen, das von allen Konfliktpartnern ratifiziert wurde.

Plünderungen

Die Sicherheit hat sich in der vergangenen Woche nicht deutlich verbessert, weiterhin gibt es fast jede Nacht Plünderungen. Außerhalb der Hauptstadt Bagdad wird an den Landstrassen von Straßenräubern berichtet, die Fahrzeuge überfallen und stehlen. In der Nacht hört man vereinzelt Schießereien, bei Dunkelheit traut sich niemand auf die Straßen. Die Geschäfte schließen um 3.00 Uhr am Nachmittag, damit zum Einbruch der Dunkelheit jeder zu Hause sein kann.

Zu kaufen gibt es nahezu alles, das Problem ist, dass die öffentlich Bediensteten seit Wochen kein Gehalt mehr bekommen, und damit auch kaum Geldkreislauf vorhanden ist - das Bankwesen funktioniert nicht. Auch Ärzte und Krankenschwestern erhalten keine Löhne, können daher ihre Familien nicht mehr ernähren. Über kurz oder lang kommen viele dieser Personen dann gar nicht mehr zur Arbeit, sondern versuchen ihre Familie anderwärtig "durchzufüttern". Der Benzinpreis steigt täglich, dadurch ist auch der Preis für eine Busfahrkarte jeden Tag höher.

Schwierige Transportlogistik

Die Krankenhäuser in Bagdad sind mittlerweile wieder relativ gut ausgestattet, auch das Personal ist in der Lage den wesentlichen Aufgaben nachzukommen. Speziell im Bereich der Lieferung der benötigten Medikamente und des Kleinmaterials wie Verbandsstoffe und chirurgische Hilfsmittel auf Tagesbasis ist das Rote Kreuz im Moment tätig. An Medikamenten, chirurgischem und medizinischem Material ist in den Lagern des Gesundheitsministeriums nahezu alles verfügbar. Schwierig ist die Transportlogistik und die Lagerung in den Spitälern, da viele Dinge über Nacht "verschwinden" oder aufgrund fehlenden Stroms nicht kühl gehalten werden können. Auch ist oft kein Benzin für den Transport verfügbar. Das ist - in einem der erdölreichsten Länder der Welt – ungewöhnlich.

Die rasche Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung durch Sicherheit auf den Straßen, Versorgungssicherheit mit Strom, Wasser und Treibstoff und auch Gehälter für die öffentlich Angestellten durch die dafür verantwortlichen Besatzungsmächte hat wohl oberste Priorität. Unsere Spezialisten-Teams fahren weiterhin täglich aus Bagdad in die Regionen. Sie bestehen meistens aus medizinischen Experten, Suchleuten und Wassertechnikern, klären die Bedürfnisse in der Umgebung ab und schicken dann die passenden Teams. Die Wassertechniker sind immer noch sehr gefragte Leute, denn die meisten Wasserwerke benötigen noch immer technische Betreuung.

Gastautorin Martina Schloffer aus Österreich arbeitet als PNS-Delegierte (Participating National Societies) für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes in Bagdad.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nicht explodierte Minen, Munition und Bomben (Bild) stellen eine große Gefahr dar.

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