Jubel über den Tod Gaddafis

20. Oktober 2011, 23:04
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Gestürzter Diktator wurde beim Versuch, aus seiner Heimatstadt Sirte zu fliehen, getötet

Nachmittags um zwei Uhr kam die Bestätigung im staatlichen libyschen Fernsehen: Muammar al-Gaddafi ist tot, gefallen in seiner Heimatstadt Sirte. Im ganzen Land brach ein unbeschreiblicher Jubel aus. Die Freudenfeuer waren ohrenbetäubend. Binnen Minuten feierten Zehntausende das Ende der 42-jährigen Gewaltherrschaft.

Bei Gaddafi waren noch mehrere Schlüsselfiguren des alten Regimes, die mit ihm ausgeharrt hatten. Bestätigt wurde etwa der Tod von Verteidigungsminister Abu Bakr Yunus Jabr. Sohn Motassim soll laut libyschem Übergangsrat ebenfalls bei Gefechten umgekommen sein, genauso wie Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi. Unklar war Donnerstagabend der Verbleib von Sohn Saif al-Islam. Es gab Berichte über seinen Tod. Die BBC meldete, er sei mit einer Beinverletzung im Krankenhaus. Reuters berichtete, er sei von Kämpfern des Übergangsrates gestellt und in der Nähe von Sirte eingekreist worden.

Damit wurde auch klar, weshalb der Widerstand in Sirte so heftig und gut organisiert gewesen war. Die ersten Gerüchte von Gaddafis Auftauchen in Sirte waren noch ungläubig aufgenommen worden, war er doch zuletzt im Süden des riesigen Landes, in der Grenzregion zu Niger und Algerien vermutet worden.

Nach einer Einschnürung von über einem Monat war die letzte Bastion der Gaddafi-Loyalisten Donnerstag auf ein paar Häuserblocks zusammengeschrumpft. In einem entscheidenden Ansturm konnten die Truppen der neue Führung dieses kleine Geviert überrennen. In diesem Moment, Donnerstag um 8 Uhr 30 Ortszeit, unternahmen eine Reihe von Größen des alten Regimes in einem Autokonvoi den Versuch, Richtung Misrata zu fliehen. Nicht nur Kämpfer des Nationalen Übergangsrates (NTC) versuchten mit Waffengewalt die Flüchtenden aufzuhalten, auch die Nato kam mit Kampfjets zu Hilfe.

Nato-Luftangriff

Nach den Angaben des NTC hat Gaddafi bei dem Bombardement Verletzungen an Kopf und Beinen erlitten. Über die genauen Umstände seines Todes gab es aber widersprüchliche Angaben. Gaddafi soll entweder während der Flucht aus einem Haus, in dem Autokonvoi, in einem Erdloch oder aber versteckt in großen Betonröhren getötet worden sein. Videos, die auf CNN und Al-Jazeera ausgestrahlt wurden sowie AFP-Fotos, zeigten einen noch lebenden Gaddafi, der von Kämpfern aus einem Kanalrohr in Sirte gezerrt wurde. Vor seiner Festnahme soll er "Schießt nicht! Schießt nicht!" gerufen haben.

Leichnam in Misrata

Nur Minuten später war der Exmachthaber tot - "von Rebellenhand niedergestreckt", wie ein Vertreter des Übergangsrates später sagte. Sein Leichnam wurde in eine Moschee nach Misrata gebracht, er soll dort bereits heute, Freitag, beerdigt werden.

Der Regierungschef des Übergangsrates Mahmud Jibril bestätigte den Tod Gaddafis Donnerstagabend. Jetzt sei es an der Zeit, ein neues, einiges Libyen zu schaffen, sagte Jibril in Tripolis. Die neue libysche Führung hatte immer darauf gedrängt, dass der seit dem 23. August Flüchtige wenn möglich lebend aufgegriffen und festgesetzt wird. Ein Prozess gegen den gestürzten Diktator hätte einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung all der Gräueltaten leisten können, die während seiner Herrschaft geschehen sind.

Der Fall von Sirte war vom NTC seit längerem als der Zeitpunkt definiert worden, zu dem die offizielle Befreiung des ganzen Landes erklärt werden sollte. Nun fällt diese Zäsur auch mit Gaddafis Ende zusammen. Der NTC hat zugewartet bis zu diesem Moment, bis der politische Transformationsprozess eingeleitet wird, der nach acht Monaten zu demokratischen Wahlen führen soll. Der Vorsitzende des NTC, Mustafa Abdul Jalil, hat diese Woche erklärt, in diesen Transformationsprozess müssten vor allem auch die Rebellen-Kämpfer einbezogen werden, die vor der Revolution einem zivilen Beruf nachgegangen sind. Als erster Schritt ist die Ernennung einer Übergangsregierung geplant. (Astrid Frefel/Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2011/Onlineupdate)

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    Rebell Mohamed el Bibi soll Gaddafi entdeckt haben. Hier präsentiert er in Sirte Gaddafis goldene Pistole.

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    2007 war Muammar al-Gaddafi noch ein gerngesehener Gast bei europäischen Regierungschefs

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    Ein Abflussrohr an einer Ausfallstraße nahe Sirte: An dieser Stelle soll der libysche Ex-Diktator gestellt worden und zu Tode gekommen sein.

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    Das erste Foto der Ereignisse in Sirte, das in die Welt ging, ein Dokument des Endes: Ein Handybild zeigt den verletzten Diktator Muammar al-Gaddafi, angeblich noch lebend, in Händen der Rebellen.

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    Angesengtes Gaddafi-Bild in Sirte

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