Boeing streckt Jumbo nach der A380-Decke

20. Oktober 2011, 18:03
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Nachdem die Schmach verwunden ist, dass Airbus den größten Flieger baut, geht die neue Strategie auf

Nur wenige Flugzeuge sind so bekannt wie Boeings 747, vom Publikum auf den Spitznamen Jumbo getauft. Seit 1970 überragt der Jet mit seiner prägnanten, durch das Oberdeck im vorderen Drittel geprägten Gestalt alles andere auf dem Rollfeld und in den Lüften - bis 2007 die A380 daherkam, Airbus' Doppeldecker: 50 Prozent mehr Fläche, 525 statt rund 330 Passagiere in Lufthansas Drei-Klassen-Ausstattung.

Wurde zunächst ein Duell fliegender Giganten als Antwort des US-Herstellers erwartet, wählte Boeing nach einer Schmollphase einen anderen Weg: Eine runderneuerte und gestreckte Version, 747-8 getauft. "Die 747 ist eine unverwechselbare Marke am Himmel, die wir nicht verändern wollten", erklärt Boeing-Direktor Ken Hiebert. "Aber die Technologie ist eine völlig andere, der Flügel ist völlig neu", und auch die Länge der Maschine: Fast sechs Meter wurde der Jumbo gestreckt, um mehr Platz zu schaffen. Neue Triebwerke senken den Treibstoffverbrauch um 16 Prozent.

Flugzeuge werden gemeinsam mit Airlines entwickelt, sagt Hiebert, anhand von Prototypen wird abgeklopft, wie ein neuer Jet ausschauen muss. "Unsere Kunden wollten 20 Prozent mehr Sitzplätze und zehn Prozent mehr Reichweite als beim Vorgänger. Es gibt eine riesige Basis von 747-400" - das Vorgängermodell, von dem knapp 700 produziert wurden - "die zu ersetzen ist. Das machen wir mit der 747-8. Wir zielen nicht auf den Markt der A380, da gibt es bereits ein Produkt", beschreibt Hiebert die Strategie.

Vergangene Woche hoben die nunmehr Luxair gehörenden ersten beiden Frachtmaschinen 747-8f Seattle ab. Und auf dem Vorfeld der riesigen Boeing-Werkshalle in Everett bei Seattle steht bereits die erste fast flugfertige Passagierversion der 747-8i im charakteristischen Lufthansa-Design: Die deutsche Airline ist ein "Launch Customer" des neuen Jumbos, so wie schon 1970 beim Start des Ur-Jumbos. 20 Stück 747-8i sind geordert, im Februar 2012 soll die erste übernommen werden. Insgesamt stehen derzeit 131 Bestellungen in Boeings Büchern.

Vier Meter gestreckt

Boeing-Vizepräsidentin Elizabeth Lund erklärt bei einem exklusiven Rundgang, der erste einer internationalen Journalistengruppe, die neuen Entwicklungen. Rund vier Meter wurde der zweistöckige Teil des Jumbos gestreckt, in dem die Business und First beheimatet ist - was Airlines höhere Erträge bringt. Um eineinhalb Meter wurde hinter dem Flügel der Eco-Teil verlängert. Und auch das Cargo-Deck ist mitgewachsen, ebenso wie die Gepäckablagen: "Wir bringen 56 Prozent mehr Handgepäck unter."

Für die B747 muss kein Flughafen umgerüstet werden, sagt Lund: Wo immer derzeit bereits Jumbos fliegen, kann auch die neue Version eingesetzt werden, weltweit 230. Für den A380 müssen hingegen die meisten Flughäfen upgraden.

Noch sind die Sitze in der Business-Klasse des nach Neuwagen riechenden Riesenjets rot abgedeckt und vor neugierigen Augen geschützt. Zusammen mit der Indienstnahme des neuen Fliegers beginnt die Lufthansa ihr Erneuerungsprogramm für die Business-Ausstattung, sagt Lufthansa-Vizepräsidentin Christina Foerster.

Lufthansa sei spät dran, dem Trend zu völlig waagrechten Betten in der Business zu folgen, räumt sie ein; im Konzern ging bereits Swiss voraus. Aber "das hat auch Vorteile, wir konnten alle existierenden Produkte austesten und daraus das Beste machen". Bis 2015 sollen alle hundert Langstreckenflieger umgerüstet sein, zusammen mit anderen Kabinen-Erneuerungen werden drei Mrd. Euro investiert.

Foerster war für die Anschaffung der Jumbos zuständig, jetzt ist sie Chefin der Netzwerkplanung und Flottenentwicklung von Lufthansa. Die Airline steckt gerade in einer ambitionierten Flotteninvestition: Zwischen 2011 und 2016 werden 202 neue Flieger übernommen, teils für mehr Kapazität, teils zur Erneuerung. Dabei stehen den 20 Boeing-Jumbos (Listenpreis 230 Mio. Euro) 17 A380 (Listenpreis 300 Mio. Euro) gegenüber. Nur eine prominente Neuentwicklung steht nicht auf der Bestellliste: Boeings "Dreamliner", die 787.(Helmut Spudich, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2011)

  • Wir haben den Flieger verlängert": Boeing-Vizepräsidentin Elizabeth Lund erklärt die Strategie, um den Airbus-Riesen A380 zu kontern. Lufthansa wird die neue 747-8i als erste Airline fliegen.
    foto: standard/spudich

    Wir haben den Flieger verlängert": Boeing-Vizepräsidentin Elizabeth Lund erklärt die Strategie, um den Airbus-Riesen A380 zu kontern. Lufthansa wird die neue 747-8i als erste Airline fliegen.

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