Wahrheitssuche am Wilhelminenberg

17. Oktober 2011, 18:39
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Stadt Wien hat Untersuchungskommission geplant - Historiker: Bereits in den 1950er Jahren soll es dort zu Vergewaltigungen gekommen sein

Wien - Als Gerti K. 1972 begann, im Kinderheim Wilhelminenberg zu arbeiten, war sie entsetzt: "Das hat mich teilweise an ein KZ erinnert. Exakte Zweierreihen und militärisch gemachte Betten waren wichtiger als die Kinder. Es hat mir das Herz gebrochen" , sagt sie im Gespräch mit dem Standard.

Zwei Jahre blieb die Erzieherin im "W-Berg", wie das Heim intern genannt wurde - erst im Hauptgebäude, ab 1973 dann in einer eigenensonderpädagogischen Abteilung in einem Nebenhaus. K. war zu der Zeit dort beschäftigt, aus der die aktuellen Missbrauchsvorwürfe gegen die Anstalt stammen.

"Zwei, drei Ausnahme-Erzieherinnen"

Zwei Schwestern, die als Sechs- und Achtjährige dort untergebracht wurden, geben an, über Jahre vergewaltigt worden zu sein: Bei Massenvergewaltigungen sollen bis zu 20 Mädchen gleichzeitig in einem Raum missbraucht worden sein, manche der Täter könnten dafür gezahlt haben.

Es habe "zwei, drei Ausnahme-Erzieherinnen" gegeben, sagt K., die den Kindern "Dachteln" gegeben und ihnen Gegenstände, etwa Schlapfen, nachgeworfen hätten. "Die waren autoritär, faschistisch und rassistisch. Wir anderen wollten die Zustände ändern."

Vor allem die Erzieherin Linda R., die die Schwestern ebenfalls in manchen Schilderungen genannt haben, sei aber "eine Harte" gewesen - "vor der habe ich mich auch gefürchtet" . Massenvergewaltigungen kann sich K. jedoch kaum vorstellen: "Das hätten wir mitbekommen." Prostitution habe es unter den minderjährigen Zöglingen schon gegeben - aber nicht im Heim. "Einige der Mädchen sind ausgerissen und auf den Strich gegangen" , sagt K, "nachts sind ihre Zuhälter manchmal ums Haus geschlichen."

Ehemalige Mitarbeiter bestreiten Vorwürfe

Beim Weißen Ring, der Missbrauchsopfer betreut, haben sich bisher 26 ehemalige Bewohner des Heims am Wilhelminenberg gemeldet. "Von systematischen Vergewaltigungen haben andere Opfer bisher nichts erzählt", sagt Sprecherin Erika Bettstein. Die Stadt Wien will eine unabhängige Kommission einrichten, die die Vorwürfe gegen das Heim prüfen soll. Am Montag wurde noch nach einem Leiter gesucht. Vier ehemalige Mitarbeiter des "W-Heims" wurden bisher befragt, sie bestreiten die Vorwürfe.

Mehr als 300 Missbrauchsopfer aus städtischen Heimen haben sich bisher bei der Stadt gemeldet, 173 habenEntschädigungen bekommen - darunter auch die beiden Schwestern. Es gebe Delikte, die immer wieder genannt werden, sagt Josef Hiebl vom Jugendamt auf einer Pressekonferenz am Montag: etwa, dass Kinder gezwungen wurden, ihr Erbrochenes aufzuessen, dass ihnen nasse Fetzen ins Gesicht gedrückt wurden, dass sie in der Ecke stehen mussten oder dass sie kollektiv bestraft wurden. Die meisten Meldungen gibt es von Bewohnern des Heims auf der Hohen Warte.

Nach der Heimenquete 1971 wurden die Kinderheime nach und nach geschlossen - auch auf Druck engagierter Pädagogen. Statt in abgeschotteten Anstalten, sollten die Kinder in Wohngemeinschaften untergebracht werden, vorzugsweise in der Gegend, in der sie aufgewachsen waren.

Keine strafrechtlichen Konsequenzen

"Der Politik ging es vor allem darum, dass das viel billiger war als die Heime" , sagt Hans Feigelfeld, einer der treibenden Kräfte der Reform und ehemaliger Erzieher am Wilhelminenberg. Er konnte dort 1972 jene Abteilung aufbauen, in der in der auch Gerti K. ab 1973 beschäftigt war und in der antiautoritär gearbeitet wurde.

Das "W-Heim" wurde schließlich 1977 als eines der ersten geschlossen. Die "harte" Erzieherin Linda R. arbeitete bis zum Schluss dort, danach ging sie ins Heim auf der Hohen Warte. Heute muss sie keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchten: Die Taten sind verjährt.
Ergänzung Hauptgeschichte

Historiker: Vergewaltigungsvorwürfe schon in 1950er Jahren

Es ist nicht das erste Mal, dass Vergewaltigungsvorwürfe von ehemaligen Zöglingen des Heims am Wilhelminenberg erhoben werden. "Uns ist ein ähnlicher Fall aus den 1950er Jahren bekannt", sagt der Historiker Reinhard Sieder zum Standard. Sieder leitet jene Kommission, die seit 2010 die Geschichte der städtischen Kinderheime erforscht. Ein Opfer berichtete den Historikern von mehreren Vergewaltigungen, wahrscheinlich durch Burschen, die ebenfalls im Heim wohnten. In der Zeit waren am Wilhelminenberg noch sowohl Mädchen als auch Buben untergebracht, später wurde das Heim zu einem reinen Mädchenheim. "Aus der Ferne halte ich die akuellen Vorwürfe daher durchaus für möglich", sagt Sieder. (Tobias Müller, DER STANDARD; Printausgabe, 18.10.2011)

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    Zwei Jahre arbeitete Gerti K. im Heim am Wilhelminenberg. Es habe autoritäre, rassistische Betreuerinnen gegeben, sagt sie - Fälle sexuellen Missbrauchs habe sie aber nicht bemerkt.

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