Mit dem Mädchen Jörg Haider im Theaterlabor am Dorfplatz

17. Oktober 2011, 18:11
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Stadttheater entdeckt Produktionsweisen der Off-Szene

Graz - Die Abteilung "Forschung und Entwicklung" des Grazer Schauspielhauses öffnete zum ersten Mal ihr Theaterlabor, wo Schauspieler und Schauspielerinnen des Hauses zusammen mit dem jungen Berliner Schriftsteller Oliver Kluck an Texten arbeiten. Zu dem daraus entstehenden Theaterabend lädt man dann Publikum auf die räumlich begrenzte Ebene 3 des Stadttheaters.

Es sei ein "Versuch, die normalen Produktionsweisen am Theater in etwas andere Kanäle zu lenken", liest man vor der Premiere, die am Samstagabend über die Bühne ging. Und das geht so: Vier junge, jedenfalls unter 30-jährige Darsteller des Hausensembles (Rahul Chakraborty, Katharina Klar, Verena Lercher und Christoph Rothenbuchner) tüfteln drei Wochen gemeinsam mit einer Dramaturgin (Regina Guhl), einer szenischen Einrichterin (Christina Rast) und einer Ausstatterin (Fatima Sonntag) an einem Theatertext des 31-jährigen Kluck. Alle dürfen mitreden, die Schauspieler dürfen selbst nachdenken. Das riecht nach Basisdemokratie - und sollte eigentlich allgemein wenigstens ein bisschen üblich sein. Sollte man meinen.

Wem diese Arbeitsweise bekannt vorkommt, der hat vielleicht in den letzten Jahrzehnten irgendwo auf der Welt ein Off-Theater besucht, vielleicht sogar in Österreich, oder gar in Graz. Nun ist der offene Arbeitsprozess, die "Creation Collective", also auch am Grazer Stadttheater gelandet. Vielleicht etwas spät, aber besser spät als gar nie. Der Wiederaufbau des Haider-Denkmals, der erste von drei Abenden, den man so mit Kluck-Texten und wechselnden Darstellerteams erarbeitete, war jedenfalls ein Erfolg.

Denn Schauspieler können offenbar mehr als Anweisungen befolgen: Sie bauten aus der Textvorlage einen sehr witzigen, oft herrlich zynischen Abend, in dem es vordergründig ein bisschen um die Biografie von Jörg Haider geht, deren Details - wie etwa erfolglos bleibende Versuche, ein guter Maler zu werden oder der angeblich frühe Tod des Vaters - sich immer wieder mit einer anderen Biografie kreuzen. Und man erfährt über diesen mythischen Haider, dass er "als kleines Mädchen viel herumgekommen ist".

Unsichtbare Feinde

Hintergründig geht es auch um Nachbarschaftskonflikte - marginal um Palästina, mehr um den "unsichtbaren Feind" in den österreichischen Hobbykellern von nebenan, um das nervige Klopfen dieser Nachbarn an Wänden, die hellhörig wie Tapeten sind. Irgendwann kommen die vier, die kreuz und quer abwechselnd in verschiedene Rollen schlüpfen, zu dem Schluss, in einer "beliebigen Kleinstadt mit Kirchturm", die aus "falscher Scham" verschweigt, dass Haider aus ihr stammte, "das" Haider-Denkmal wiederzuerrichten. "Nach historischer Vorlage, dreitausend Meter mal fünftausend Meter". Eine Fortsetzung soll es im Jänner geben und sie soll Haider in Argentinien heißen. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD/Printausgabe 18. Oktober 2011) 

Nächste Aufführung: 8. 11.

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