Mysterium der glatt geschliffenen Felsen aufgeklärt

13. Oktober 2011, 14:48
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Geologen rätselten über polierte Felsblöcke in der chilenischen Wüste - Es stellte sich heraus, dass Erdbeben für den Abrieb verantwortlich sind

Seltsames tut sich in einer entlegenen Ecke der Atacama-Wüste in Chile - zumindest aus geologischer Sicht. Entdeckt wurden die ungewöhnlichen Prozesse dank der Magenverstimmung eines US-amerikanischen Wissenschafters. Der Geologe Jay Quade von der Universität von Arizona war mit Kollegen in der Atacama unterwegs, als sein Unwohlsein die Truppe an einer ausgedehnten Ebene von Felsblöcken zu einem Stopp zwang, an der sie bereits mehrmals achtlos vorübergefahren waren.

Während der Rest der Forscher umherwanderte und ganz nach Geologen-Art die lokalen Gesteine in Augenschein nahm, legte sich Quade unter das Fahrzeug, um der glühenden Sonne zu entkommen. Was ihm dort an den am Straßenrand liegenden Felsen ins Auge sprang, kam ihm sofort äußerst ungewöhnlich vor: die bis acht Tonnen schweren Brocken zeigten sich an den Seiten völlig glatt geschmirgelt.

Unter normalen Umständen findet man Erosion dieser Art meist in Zusammenhang mit Wasser - etwas, das in der knochentrockenen Atacama eigentlich nur sehr selten zu finden ist. Quade tippte daher auf eine völlig andere Erklärung: der Geologe glaubt, dass Erdbeben für die polierten Flächen der Felsen verantwortlich sind.

Felsen-Hüpfburg

Im Laufe von Hunderttausenden Jahre wären die Brocken von den nahen Hügeln gerollt. Seither hätten häufige in der Region auftretende Erdstöße die Findlinge umher hüpfen und gegeneinander stoßen lassen - wie Sandkörner auf einer Lautsprechermembran. Mit der Zeit wären ihre Seiten dadurch glatt geschliffen worden, so zumindest Quades Theorie. Der Forscher rechnete allerdings nicht damit, dass er seine These auch beweisen könnte - und hier dachte er falsch.

Bei einem weiteren Trip in die Atacama nahm Quade die Felsen nochmal genauer unter die Lupe. Während er sich, auf einem der Blocke stehend, über die mögliche Geschichte der Gesteine zu seinen Füßen grübelte, kam es unverhofft zu einem Erdbeben der Stärke 5,3. Der Geologe beobachtete, wie Bewegung in die gesamte Gegend kam; das Geräusch von aneinander reibenden Felsen sei laut und deutlich zu hören gewesen, so Quade.

"Das war ein gewaltiger Lärm, so als würden Tausende kleine Hämmer gleichzeitig gegen die Felsen klopfen, " berichtet der Ohrenzeuge. Möglicherweise hätte Quade unter anderen Umstände noch mehr Beobachtungen machen können, doch er hatte genug zu tun, nicht von dem Fels zu fallen, auf dem er stand. "Er rollte umher und stieß gegen einen anderen Felsen. Ich fürchtete herunterzufallen und zwischen die Brocken zu geraten." So gefährlich die Situation auch war, Quade war äußerst dankbar für diese Erfahrung in der Atakama, immerhin stellte sie seine Erdbeben-Theorie auf eine solide Grundlage.

Zwei Rätsel mit einer Theorie

Nach genaueren Analysen dürfte sich der Vorgang etwa so darstellen: Die Felsen lösten sich, vermutlich ebenfalls durch ein Beben, vor ein bis zwei Millionen Jahren von den Hügeln und rollen in die Ebene hinab. Dort sammelten sich immer mehr Blöcke, die bald dicht gedrängt liegen. Bei etwa einem Erdbeben alle vier Monate dürfte nach Berechnungen des Geologen ein durchschnittlicher Felsen 50.000 bis 100.000 Erdstöße erlebt haben - genug also, um über die Äonen schön glattgeriebene Flächen zu schaffen.

Das beste an der Erdbebentheorie sei, dass sie nicht nur das eine Mysterium klären kann," meint Quade. "Es beantwortet auch eine Frage, die schon seit Jahren an mir frisst: Wie werden die Felsen und Steine vom Fuß des Hügels wegtransportiert, obwohl so wenig Regen fällt, der das hätte bewerkstelligen können?" (red)

  • Glatt polierte Felsen in der Atacama-Wüste. Schuld daran sind häufige Erdbeben in der Region.
    foto: university of arizona/jay quade

    Glatt polierte Felsen in der Atacama-Wüste. Schuld daran sind häufige Erdbeben in der Region.

  • Teilweise dicht gedrängt liegen die Brocken am Fuße der Hügel.
    foto: university of arizona/jay quade

    Teilweise dicht gedrängt liegen die Brocken am Fuße der Hügel.

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