Reaktionen: "Die Sache stinkt zum Himmel"

13. Oktober 2011, 11:16
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Iran widerspricht Anschuldigungen - Weißes Haus: Von höchster Ebene abgesegnete Aktion - Experte: Anschlag in den USA völlig untypisch für Quds-Brigaden

Ein vom Iran aus dirigierter Anschlagsplan namens "Chevrolet", ein in ein mexikanisches Drogenkartell eingeschleuster Informant der US-Drogenbehörde, der saudi-arabische Botschafter in den USA sowie die israelischen Botschaften in Washington und Buenos Aires als Ziel des Attentats. Dass der Stoff rund um den am Mittwoch an die Öffentlichkeit gelangten Anschlagsplänen in den USA einem Politthriller entstammen könnte, gestand selbst Hillary Clinton ein: „Die Idee, Auftragskiller in einem mexikanischen Drogenkartell zu suchen, um den saudi-arabischen Botschafter zu töten - das denkt sich niemand aus, oder?" Eine knappe Stunde lang gab die Außenministerin der Nachrichtenagentur Associated Press ein Interview, in dem sie die bisherige Sachlage erklärte (dünn, aber „stranger than fiction"), die Drahtzieher ausmachte (iranische Regierung) und die Konsequenzen zog (Forderung nach einer weiteren Isolierung Teherans). Harte Beweise, so gestehen US-Regierungsmitglieder ein, hat Washington aber nicht gegen den Iran in der Hand.
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Quelle: ABC News

Zwei Männer stehen im Mittelpunkt des angeblichen Komplotts: Manssor Arbabsiar, ein in den USA eingebürgerter Iraner, und Gholam Shakuri, Angehöriger der Al-Quds-Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden. Ihr Plan soll ein Bombenattentat auf den saudi-arabischen US-Botschafter Abdel El Jubeir in einem frequentierten Restaurant in Washington gewesen sein. Arbabsiar soll das Attentat in den USA vorbereitet und den Mordauftrag an ein vermeintliches Mitglied der mexikanischen Los Zetas-Kartell vergeben, Shakuri den Plan mit dem Wissen anderer hochrangiger iranischer Vertreter gesteuert und finanziert haben. Arbabsiar wurde Ende September am New Yorker Flughafen JFK festgenommen, Shakuri ist flüchtig. (Hier die lange Zusammenfassung).

USA: Keine militärische Antwort

"Auch wenn sich der Plan wie ein Drehbuch für einen Hollywood-Film liest, wären die Folgen sehr real gewesen; viele Menschen hätten ihr Leben verloren", sagte FBI-Direktor Robert Mueller. Der Fall sei „definitiv kein Fall wie jeder andere" und stünde außerdem exemplarisch für die Herausforderungen und die Komplexität der neuen internationalen Bedrohungen sowie die wachsende Geschicklichkeit darin, Geheimdienste und die Justiz gemeinsam diese Bedrohungen, unabhängig ihres Ursprungs, rechtzeitig zu erkennen und zu bekämpfen. Um das Gesagte zu untermalen, präsentierten FBI, Justizminister Eric Holder, dessen Stellvertreterin Lisa Monaco und Preet Bharara, Attorney for South District of New York, gemeinsam ihre Vorwürfe (hier das Statement mit den Vorwürfen auf PDF).

Die ohnehin schlechten Beziehungen mit dem Iran liegen nun am Boden, die Verhandlungsebene dürfte fortan gänzlich wegfallen. Wäre der mutmaßliche Plan geglückt, hätte das noch viel brisantere Konsequenzen außerhalb der Vereinigten Staaten gehabt. Der US-Nachrichtensender CNN stellte die Frage, ob es nun zum „Showdown" mit dem Iran komme. CNN-Chief Investigative Correspondent Brian Ross gab eine mögliche Antwort: „Wäre der Plan durchgeführt worden, hätte das zu einer militärischen Konfrontation geführt." FBI-Chef Mueller versicherte in der Zwischenzeit mehrmals, die USA würden nicht militärisch antworten.

Der Iran selbst kann laut eigenen Angaben nichts mit den Vorwürfen anfangen. Der iranische UN-Botschafter Mohammed Khazaee ließ verlautbaren, der Iran weise diese „erfundenen und substanzlosen Vorwürfe, die auf suspekten Behauptungen fußten vehement und kategorisch" zurück. Der iranische Außenminister Ali-Akbar Salehi sagte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Irna, die Amerikaner wollten mit diesen Anschuldigungen lediglich von den eigenen Problemen ablenken. Die US-Darstellung als "stümperhaftes Spiel", die Vorwürfe entbehrten jeglicher Grundlage. Salehi sagte außerdem, die USA würden sich möglicherweise deswegen entschuldigen müssen. Der iranische UNO-Gesandte legte offiziell Beschwerde bei UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon und beim UN-Sicherheitsrat ein. Der iranische Parlamentspräsidenten Ali Larijani sagte, die Vorwürfe seien ein "kindisches Spiel" der USA, um eine künstliche Krise herbeizuführen.

"Die Sache stinkt zum Himmel"

Skeptiker finden sich auch in den eigenen Reihen: „Die Sache stinkt zum Himmel", sagte etwa Ex-CIA-Agent Robert Baer, dessen Aufgabe lange die Beobachtung der Quds-Eliteeinheit umfasste. „Die Quds sind sehr gut", sagt Baer gegenüber dem britischen Guardian. "Sie setzen sich nicht mit Leuten zusammen, die sie nicht kennen, und schmieden mit ihnen einen Komplott. Sie suchen Leute aus den eigenen Reihen und gehen dabei sehr professionell vor. Wäre Kassim Suleimani (Quds-Chef, Anm.) hinter dir oder mir her, wären wir bereits tot. Das ist gänzlich untypisch für sie."

Rasool Nafisi, iranisch-US-amerikanischer, renommierter Iran-Experte, schlägt in dieselbe Kerbe. „Es sieht der Quds und der IRGC (Iranische Revolutionsgarde, Anm.) nicht ähnlich, auf US-amerikanischem Boden zu operieren", sagte er gegenüber der New York Times, "weil sie Vergeltungsmaßnahmen befürchten". Die letzte tödliche iranische Mission auf US-amerikanischem Boden datiert auf die 80er Jahre. Damals wurde ein Kritiker des islamischen Regimes in Bethesda, Maryland, umgebracht. Möglich wäre, so Nafisi weiter, eher ein Alleinvorgang von Teilen der Revolutionsgarde, allerdings eben ohne Wissen aus höheren politischen Kreisen. Grund dafür könnte der Versuch sein, eine Verbesserung der schwierigen Beziehungen zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten zu verhindern.

Altbekanntes und "gefährliche Eskalation"

Ob es sich bei dem Attentatsplan um eine von höchster Ebene abgesegnete Aktion handelt oder ob die Täter auf eigene Faust gehandelt haben, ist schlichtweg nicht geklärt. "Wir wissen es einfach nicht", zitiert die New York Times einen Beamten, der an den Ermittlungen beteiligt war.

Das Weiße Haus selber scheint von der Beteiligung, zumindest vom Wissen der Politiker in Teheran, überzeugt zu sein. ""Die Vereinigten Staaten brauchen keine neuen Gründe, um aufgrund der Quds besorgt zu sein", zitiert die Washington Post einen Mitarbeiter des Weißen Hauses. Grund dafür sei etwa deren Auftreten im Irak oder im Libanon. „Ein Anschlagsplan auf US-amerikanischem Boden aber ist eine gefährliche Eskalation der Lage."

Das Nachrichtenmagazin The Atlantic stellt sich die Frage, warum Teheran überhaupt Interesse an dieser Operation haben könnte. Der Plan sei ein Schuss ins Knie, da er sich gegen die eigenen Interessen richte und widerspreche außerdem gänzlich dem bisherigen Vorgehen. Sowohl Irans Unterstützung terroristischer Organisationen als auch der „beinahe Kalte Krieg" zwischen dem Iran und Saudi-Arabien seien altbekannt, trotzdem sei nicht klar, worauf Teheran - bei aller Plausibilität - letztendlich abzielen würde. Die Unterstützung von Terroristen mache nur dann Sinn, wenn sie den eigenen Interessen diene.

CNN will derweil schon ein Motiv erkennen: Der saudi-arabische Botschafter selbst sei ein renommierter Diplomat mit familiär bedingtem Nahverhältnis zur Königsfamilie. Die Königsfamilie verurteilt die von Assads Regime eingesetzte Gewalt gegen die Demonstranten in Syrien. Der Iran sehe letzteres als Einmischung, da man Syrien stets als Satellitenstaat und Basis für eigene terroristische Aktivitäten betrachtet hätte. Laut aktuellsten Informationen von CNN stecken hochrangige Mitglieder der Quds als Drahtzieher hinter den mutmaßlichen Anschlagsplänen. Saudi-Arabien kündigte nun an, entschieden gegen die Hintermänner vorgehen zu wollen und weiterhin eng mit den USA zu kooperieren.

Iran und Saudi-Arabien kämpfen seit Jahrzehnten um die Vorherrschaft im Nahen Osten, Schlachtfeld ist neben Syrien etwa der Kampf um den Einfluss auf Bahrain. (fin, derStandard.at, 12.10.2011)

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    Soll das Ziel des mutmaßlichen Anschlags gewesen sein: der saudi-arabische Botschafter in Washington.

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    El Jubeir.

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    Angeblich geständiger Mitverschwörer Arbabsiar.

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    Von links nach rechts: Preet Bharara, Robert Mueller und Eric Holder.

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