Vernetzte Einblicke in alternde Augen

11. Oktober 2011, 18:21
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Forscher des Zentrums für Molekulare Medizin haben einen bislang unbekannten molekularen Mechanismus bei Altersbedingter Makuladegeneration entschlüsselt

In der medizinischen Forschung lösen sich zunehmend die Fachgrenzen auf. Hat die nach Organen eingeteilte schulmedizinische Betrachtung jahrhundertelang das Denkschema von Ärzten geprägt, beweisen die molekulargenetischen Entdeckungen längst, wie umfassend vernetzt das System Körper tatsächlich ist. Was jedoch genau wie miteinander in Verbindung steht, ist Work in Progress. Im renommierten Fachjournal Nature konnte eine Forschergruppe des Zentrums für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM) und der Medizinischen Universität Wien letzte Woche eine Studie publizieren, die einen bisher unbekannten Mechanismus bei der Entstehung der Altersbedingten Makuladegeneration (AMD) aufdeckt.

Erstautor David Weismann und Forschungsgruppenleiter Christoph Binder kommen aus der Arteriosklerose-Forschung und sind den Entzündungsprozessen auf der Spur, die für die Ablagerungen in den Blutgefäßen verantwortlich sind und die langfristig zu Schlaganfall, Angina pectoris oder Herzinfarkten führen. Was aber haben Erkrankungen der Blutgefäße mit nachlassender Sehschärfe im Alter zu tun? "Unglaublich viel", sagen Binder und Weismann, die punktgenaue Defekte in der Immunabwehr und damit einhergehende Entzündungsprozesse als eine der Ursachen für die altersbedingte Makuladegeneration identifizieren konnten. AMD ist eine Erkrankung der Netzhautmitte, die zu Sehbehinderungen führt und Hauptursache für Erblindung bei über 50-Jährigen ist. Eine familiäre Veranlagung ist bekannt, doch die Ursachen, warum die Erkrankung ausbricht, waren ungeklärt.

Die beiden Forscher gingen die Sache sehr grundsätzlich, weil immunologisch an. "Unser Immunsystem ist ja auch eine Art Abfall- und Müllentsorgungssystem, das über eine ganze Reihe unterschiedlicher Mechanismen gesteuert wird. Beim Abbau körpereigener Moleküle entstehen potenziell toxische Produkte. "Wenn diese nicht mehr entsorgt werden, weil die dafür vorgesehenen Mechanismen nicht mehr funktionieren oder überlastet sind, wird eine chronische Entzündung hervorgerufen, die in weiterer Folge Arteriosklerose auslöst", erklärt Binder.

Malondialdehyd (MDA) ist ein häufiges Produkt dieser Abbauprozesse. "Es spielt in so vielen Entzündungsprozessen eine Rolle, dass wir die Hypothese aufstellten, es müsse Abwehrmechanismen im Körper geben, die dieses Abfallprodukt binden und abtransportieren können."

Weismann und Binder, die auch an der Klinischen Abteilung für Medizinische und Chemische Labordiagnostik der Med-Uni Wien beschäftigt sind, machten ein Experiment. Weismann erzeugte im Labor eine MDA-Matrix, tauchte sie in verschiedene Sorten von Blutplasma und sah nach, welche Bestandteile des Immunsystems an MDA banden. Das Resultat nach einer Reihe von Untersuchungen: Der sogenannte Komplementfaktor H, ein wichtiges Protein der angeborenen Immunabwehr, bindet an MDA. Damit war der Aufpasser im körpereigenen Abwehrsystem identifiziert. Und nicht nur das: Weismann und Binder konnten auch feststellen, wo genau auf molekularer Ebene im Komplementfaktor H dieser Ankoppelungsprozess vollzogen wird.

Nächste Schritte

Dann machten sie den in medizinischer Hinsicht fächerübergreifenden Schluss. Aus genetischen Assoziationsstudien wusste man, dass viele AMD-Patienten an eben dieser Stelle des Komplementfaktors H eine genetische Besonderheit aufweisen. Es stellte sich heraus, dass MDA im Auge eine Entzündung auslöst, gegen die das Immunsystem solcher Patienten nichts ausrichten kann. Eine Reaktion dieses Entzündungsprozesses auf der Netzhaut: Der Körper, im Versuch die Entzündung zu bekämpfen, bildet verstärkt Blutgefäße aus - erreicht damit aber überhaupt keinen positiven Effekt, auch Medikamente, die diese Gefäßneubildung verhindern, bekämpfen nicht die Ursache, sondern nur eine Folge und können deshalb nicht vorbeugend eingesetzt werden. Ist die Netzhaut erst einmal beeinträchtigt, ist der Schaden irreversibel. "Mit Malondialdehyd haben wir erstmals einen physiologischen Faktor entdeckt, der bei Altersbedingter Makuladegeneration eine Schlüsselrolle spielt", erklärt Weismann. Nun geht es erst einmal darum, molekulare Mechanismen im Detail zu erforschen.

Ziel ist es, über MDA neue therapeutische Ansätze zu finden. "An Therapien zur Unterstützung der körpereigenen Abwehrmechanismen wird in den kommenden Jahren sicherlich gearbeitet werden", sagt Binder. Besonders wichtig wäre eine Prophylaxe für Menschen, die genetisch vorbelastet für AMD sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2011)

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    Verstärkte Gefäßbildung im Auge ist eines der Symptome bei Altersbedingter Makuladegeneration. Sie ist Folge eines Entzündungsprozesses, ihr Wachstum wird vom fehlgeleiteten Immunsystem gesteuert.

  • David Weismann und Christoph Binder publizierten ihre fächerübergreifende Studie 
im Fachjournal "Nature".
    foto: cemm

    David Weismann und Christoph Binder publizierten ihre fächerübergreifende Studie im Fachjournal "Nature".

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