Das Paralleluniversum des Netzpioniers

11. Oktober 2011, 17:41
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Ted Nelsons Vision eines globalen Informationsnetzes gilt als Blaupause für das heutige Web - Der Erfinder des Hypertexts selbst hält davon allerdings wenig

Wenn er spricht, sind Ted Nelson seine 74 Jahre kaum anzumerken. Nach wie vor versprüht er eine jugendliche Aufmüpfigkeit, eine unerschütterliche Überzeugung von seinen Ideen, mit denen er einst die Welt verändern wollte - und noch immer will. "Irgendjemand muss eine andere Sichtweise haben. Irgendjemand muss widersprechen." Das ist nur einer seiner schlagkräftigen Slogans, die Webseiten zieren und seine Vorträge spicken. Im Pathos schwingt Verbissenheit mit - und auch ein Hauch von Verbitterung.

Ted Nelsons Name fehlt in keiner Auflistung der "Internetpioniere", gleich vor Tim Berners-Lee, der mit dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP) die Grundlagen des heutigen World Wide Web schuf. Doch Ted Nelson wurde weder reich noch berühmt. Dabei war er es, der bereits 1965 erstmals den Begriff "Hypertext" prägte. Mit dem futuristischen Projekt Xanadu feilte er ab den 1960ern an einem Konzept, wie ein elektronischer Ort aussehen könnte, an dem Millionen von Usern gleichzeitig über dezentrale Rechner auf sämtliche digitale Dokumente zugreifen können, die untereinander vollkommen vernetzt sind.

Klingt bekannt. Dass er oft als Vordenker des heutigen Internets gehandelt wird, lehnt er ab: "Meine Vision war definitiv nicht das World Wide Web. Es ging mir nie um singende, tanzende Web-Pages, es ging mir nie um Links, die nur in eine Richtung gehen", sagte Ted Nelson, der derzeit auf Einladung der Unis Salzburg und Linz in Österreich weilt, im Standard-Gespräch. "Das Einzige, das ich entwickelt habe und das jeder nutzt, ist die Zurück-Taste." In Nelsons Vorstellung eines "Paralleluniversums" sollten nicht - wie es heute der Fall ist - einzelne Dokumente mit URLs adressiert sein, sondern jeder Bestandteil von Dokumenten, also beliebige Textpassagen, Audio- und Videodateien.

Mithilfe bidirektionaler Hyperlinks sollten nicht nur zitierte Dokumente verlinkt werden können, sondern auch in jedem Originaldokument sollte auf zitierende Texte verwiesen werden. Die Verknüpfungen zwischen verschiedenen Dokumenten werden mit Strahlen visualisiert, denen man von einer Ebene in die nächste folgen kann. Referenzen ersetzen in Xanadu jegliche Copy-and-paste-Aktion, das Urheberrechtsproblem wird durch ein automatisches Mikrobezahlsystem gelöst.

Vernetzte Universalbibliothek

Nelson schwebt so etwas wie die ultimative Universalbibliothek vor, ein globales Informationsnetz. "Everything is deeply intertwingled" (ein Mix aus intertwined und mingled, dt.: Alles ist zutiefst verflochten und vermischt) schreibt er in seinem 1974 erschienenen Manifest Computer Lib: You can and must understand computers now, das großen Eindruck auf die entstehende Generation von Garagenbastlern und Computernerds machte.

Was bleibt von dem hehren Vorhaben, sind allerdings bloß Software-Prototypen, von denen niemand weiß, ob sie in einer vollendeten Version die enorme Datenlast tragen könnten. Nach erfolglosen Versuchen, die Entwicklung kommerziell voranzutreiben, wurde 1998 der Quellcode freigegeben. Kein Grund für Ted Nelson aufzugeben. "Meine Hauptkritik gilt den heutigen Computerdokumenten. Sie imitieren letztlich Papier. Das ist für mich eine sehr triviale Art, mit Dokumenten umzugehen", echauffiert er sich.

Angepasst war der 1937 in Chicago geborene Theodor Holm Nelson nie. Als Sohn des Regisseurs Ralph Nelson und der Schauspielerin Celeste Holm wurde er von den Großeltern großgezogen und schloss das College mit Film und Philosophie ab, bevor er in Harvard bei Talcott Parsons Soziologie studierte. Erst 2002 machte er in Japan sein Doktorat, danach war er als Gastwissenschafter am Oxford Internet Institute tätig. "Für mich ist Software keine Technologie, es ist wie Filmemachen. Software muss wie ein Film über Ereignisse auf einem Screen Herz und Hirn der Nutzer berühren - und mit ihnen interagieren", sagt Nelson.

Als er 1960 zum ersten Mal einen Computer sah, fasste er den Entschluss, dass er die Formate schaffen wollte, mithilfe deren die elitären riesenhaften Schränke für jeden Einzelnen als Heimcomputer zugänglich gemacht würden, und begann an Xanadu zu arbeiten. Seine Traum wurde vom WWW überrollt - für ihn nichts als ein schaler Abklatsch. Ob er frustriert sei, dass andere den Erfolg einheimsten? "Was denken Sie?", fragt Nelson zurück. "Aber ich bin weniger wütend als früher, ich habe mich damit abgefunden. Trotzdem: So vieles, das passiert ist, ist meiner Ansicht nach vollkommen dumm." Damit meint er die "Mythen und Lügen der heutigen Computerwelt", die toten Links, die hierarchischen Dateisysteme, das chaotische Rechtemanagement.

Steve Jobs und die Realität

"Die Technologen haben alles vermasselt. Ich bin ein Medientyp, kein Technologe", beteuert Nelson. Damit sieht er sich auf einer Linie mit dem vor wenigen Tagen verstorbenen Apple-Mastermind Steve Jobs. "Ich bin ein Bewunderer Jobs'. Er übte die Karriere aus, die ich für mich geplant hatte. Er behielt - wie ein Filmemacher - die kreative Kontrolle über jedes Detail der Interaktionen. Das unterscheidet Apple von Microsoft oder Google, die von Ingenieuren betrieben werden."

Dass sich die Realität mit sozialen Netzwerken, Web 2.0 und Wiki-Enzyklopädien seinem Paralleluniversum annähert, will er nicht gelten lassen. "Die Welt ist heute genauso weit entfernt von meiner Vision wie 1960. Ich arbeite weiter an meiner ursprünglichen Version. Ich kämpfe weiter." (DER STANDARD, Printausgabe, 12.10.2011)


Ted Nelson hält am Mittwoch eine Salzburger Vorlesung mit dem Titel "Our digital prison". Beginn: 19 Uhr an der Universität Salzburg. Am Donnerstag spricht Nelson um 11 Uhr am ICT&S Center (Information and Communication Technologies & Society) zum Thema "Reaching out of the Paperdigm".

  • Eine Skizze aus Ted Nelsons Manifest "Computer Lib" aus dem Jahr 1974, die 
zeigt, wie er die Welt sieht. "Es ging mir nie um singende, tanzende Webpages", 
sagt der Computerpionier heute.
    illustration: ted nelson

    Eine Skizze aus Ted Nelsons Manifest "Computer Lib" aus dem Jahr 1974, die zeigt, wie er die Welt sieht. "Es ging mir nie um singende, tanzende Webpages", sagt der Computerpionier heute.

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