Europas Banken müssen Kapital-Löcher stopfen

11. Oktober 2011, 17:35
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Blitz-Stresstests setzen Messlatte höher - Aufsicht fordert mindestens sieben Prozent hartes Kernkapital - Kapitalspritzen stehen an

Frankfurt - Europäische Banken müssen sich auf Milliarden-Kapitalspritzen einstellen. Die Aufsichtsbehörde EBA zieht derzeit einen deutlich verschärften Blitz-Stresstest durch, um die Schwachstellen der Branche angesichts der Staatsschuldenkrise zu ermitteln. Die Banken müssen dieses Mal unter Krisenbedingungen auf eine harte Kernkapitalquote von mindestens sieben Prozent kommen, wie mehrere Banker der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag sagten. "Diese Messlatte des Tests dürfte eine große Zahl von Banken in Europa und Deutschland reißen", sagte ein Banker voraus. "Da wird eine ordentliche Summe an benötigtem Kapital zusammenkommen."

Nach Reuters-Berechnungen auf Basis der Daten des vergangenen Stresstests vom Sommer müssten 48 Banken etwa 100 Mrd. Euro an frischen Mitteln aufnehmen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte den Kapitalbedarf auf bis zu 200 Mrd. Euro beziffert.

Bei der letzten groß angelegten Belastungsprobe von 90 Finanzinstituten im Sommer lag die Bestehenshürde nur bei fünf Prozent hartem Kernkapital. Anders als damals wird nun auch durchgespielt, welche Folgen es für die Kapitalausstattung hätte, wenn die Staatsanleihen aus den Euro-Krisenländern auf den Marktwert abgeschrieben werden. Ein solch radikales Szenario hatte die EBA im Sommer nicht einbezogen, weshalb der Test als zu lax kritisiert worden war. Nur acht Institute waren damals durchgefallen.

Barroso legt Plan vor

Der Präsident der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, will am Mittwoch einen Plan für die Rekapitalisierung von Banken vorstellen. "Morgen werde ich in der Kommission einige Vorschläge machen, zum Beispiel zur Rekapitalisierung der europäischen Banken" sagte Barroso am Dienstag in Den Haag.

Kernkapital

In Aufsichtskreisen hieß es ebenfalls, dass eine harte Kernkapitalquote von sieben Prozent nun als Untergrenze diskutiert werde. "Es kursieren Zahlen zwischen sieben und zehn Prozent." Wer die Marke nicht erreiche, werde aufgefordert, sich frisches Kapital zu besorgen - am Markt oder beim Staat. Angesichts der aktuellen Unruhe an den Märkten dürfte vielen Häusern am Ende nur die Staatshilfe bleiben - wie schon zum Höhepunkt der Finanzkrise 2008. Seither haben die Staaten in der Europäischen Union mehr als 400 Mrd. Euro in die Banken gesteckt. Dadurch wurde die Verschuldung der einzelnen Länder in die Höhe getrieben.

Offen ist Finanzkreisen zufolge noch, welche Kapitaldefinition die EBA für ihren internen Test zugrunde legt. Am wahrscheinlichsten sei es, dass die Aufsicht die Kriterien des neuen Regelwerks Basel III anwende, betonten mehrere Banker. Danach zählen nur Stammkapital und Gewinnrücklagen zum harten Kernkapital. Dies könnte insbesondere für einige Landesbanken problematisch sein, da diese in vielen Fällen noch auf stille Einlagen als Kapitalform setzen. Im Streit über die Anerkennung dieser Einlagen hatte die Frankfurter Helaba sich im Sommer in letzter Minute von dem Stresstest zurückgezogen.

Die Banken hatten den Finanzkreisen zufolge bis Dienstagabend Zeit, ihre aktuellen Daten zum Engagement in den Krisenländern und zur Kapitalausstattung an die EBA abzuliefern. Die Aufsicht bestätigte, dass sie die Informationen abfrage, äußerte sich aber nicht näher dazu. In den Vorstandsetagen der deutschen Geldhäuser herrscht wegen der neuen Belastungsproben Insidern zufolge große Unruhe. "Kaum einer rechnet damit, dass er da gut durchkommt", sagte ein Spitzenbanker. Ausnahme ist die Deutsche Bank, die in eigenen Berechnungen Insidern zufolge auf einen Wert von über sieben Prozent kommt. Offiziell äußerte sie sich nicht. Auch die teilverstaatlichte Commerzbank schwieg zu dem Thema. Sie ist stärker in den Euro-Krisenländern engagiert und schwächer kapitalisiert als der größere Rivale.

Kapitalpolster

Die Ergebnisse der EBA-Tests dienen den europäischen Regierungen als entscheidende Grundlage für ihr Bestreben, das Kapitalpolster der Banken zu stärken. Hintergrund dieser Überlegungen ist die drohende Pleite Griechenlands. Investoren befürchten, dass nach einer solchen Insolvenz andere hoch verschuldete Euro-Länder ebenfalls in deutlich schwierigeres Fahrwasser kommen könnten. Das wiederum würde die Banken als große Gläubiger der Staaten hart treffen - zur Abfederung von Verlusten sollen sie daher rekapitalisiert werden.

Noch ist offen, ob am Ende tatsächlich nur die Banken frisches Kapital benötigen, die in dem Test durchfallen. Die Belastungsprobe sei voraussichtlich nur ein Teil des gesamten Stabilisierungspakets für die Branche, sagte ein Aufseher. Bis Monatsende wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy einen umfassenden Plan präsentieren, von dem sich viele Investoren einen Durchbruch auf dem Weg zur Lösung der Euro-Schuldenkrise erhoffen.

Deutsche Privatbanken hoffen darauf, dass sie Zwangskapitalisierungen vermeiden können. "Man kann hier nicht mit der Gießkanne arbeiten", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken (BdB), Michael Kemmer, im ARD Morgenmagazin. Es könne zwar Fälle geben, in denen eine Rekapitalisierung nicht zu vermeiden sei. "Aber die muss man sehr genau anschauen, jeden einzelnen Fall, und sehr genau überlegen, wo es Sinn macht, Kapital reinzugeben und wo es nicht notwendig ist." (APA/Reuters)

  • Ohne Kapitalspritze vom Staat oder eine Kapitalerhöhung über den Markt wird es für die eine oder andere Bank wohl düster aussehen.
    foto: photodisc

    Ohne Kapitalspritze vom Staat oder eine Kapitalerhöhung über den Markt wird es für die eine oder andere Bank wohl düster aussehen.

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