Ägypten-Experte: "Schläger könnten bezahlt worden sein"

Interview10. Oktober 2011, 16:07
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Nach der Gewaltnacht sucht man in Kairo und darüber hinaus nach Ursachen für die Eskalation

Dutzende Menschen sind in der vergangenen Nacht bei schweren Unruhen in der Kairoer Innenstadt ums Leben gekommen. Stephan Roll, Ägypten-Experte bei der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) erklärt im derStandard.at-Interview die Hintergründe.

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derStandard.at: Es gibt widersprüchliche Einschätzungen darüber, von wem aus die Unruhen am gestrigen Abend in Kairo ausgegangen sind. Wissen Sie mehr?

Stephan Roll: Das ist von hier aus sehr schwer einzuschätzen und ich habe auch aus der ägyptischen Presse und aus Blogs nur ein sehr undurchsichtiges Lagebild gewonnen. Sicher ist, dass drei Gruppen auf der Straße waren: demonstrierende Kopten einerseits, Militär unnd Militärpolizei, die das Informationsgebäude beschützen, andererseits. Die dritte Gruppe waren scheinbar so genannte "Baltaghiya", das sind Hooligans, Jugendbanden aus den umliegende Distrikten, die an Randalen interessiert waren und die Lage wahrscheinlich eskaliert haben.

derStandard.at: Gibt es Hinweise, die auf eine Instrumentalisierung dieser "Hooligans" durch eine bestimmte Seite hindeuten?

Roll: Ich würde ausschließen, dass sie von der Regierung angeheuert wurden. Es gab und gibt aber immer wieder Berichte, dass alte Kader der mittlerweile aufgelösten Nationaldemokratischen Partei (Partei des gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak, Anm.) und mit dem alten Regime verbundene Geschäftsleute an solche Leute Handgelder zahlen, um Unruhe zu stiften und die Sicherheitslage im Land instabil zu halten. Ob diese Gerüchte stimmen vermag ich nicht zu sagen, aber ich halte es nicht für ausgeschlossen.

derStandard.at: Ähnlich wie bei dem Versuch des Mubarak-Regimes, die Demonstranten vom Tahrir-Platz zu vertreiben?

Roll: Ja, rund um den Tahrir-Platz gibt es mehrere ärmere Stadtviertel, in denen sich Jugendbanden für diese Zwecke rekrutieren lassen. Das stimmt auch mit dem überein, was ich aus der Presse und von Augenzeugen vernommen habe. Der koptische Demonstrationszug wurde demnach als er durch bestimmte Straßen zog schon dort aus den Häusern heraus mit Steinen beworfen. Ich sehe aber nicht, dass sich diese Gruppen irgendwie organisieren oder koordinieren lassen, vieles geschieht da wohl im Affekt. Wenn das Gerücht mit den Handgeldern stimmt, deutet dies auf eine durchaus gefährliche Situation hin, weil da Zirkel dahinterstecken, die das Land destabilisieren wollen.

derStandard.at: Der Hass scheint sehr groß, die Bilder, auf denen Männer große Steine auf gefangene Soldaten werfen, sprechen eine deutliche Sprache.

Roll: Die Steine sind gar nicht das größte Problem, es wurde offenbar auch sehr viel mit scharfer Munition geschossen. Wer genau damit angefangen hat, lässt sich bislang nicht sagen. Das Militär hat sicherlich auch geschossen, Augenzeugen berichten, dass auch Zivilisten, die keine Kopten waren, geschossen haben.

derStandard.at: Gibt es unter den Kopten Tendenzen zur Radikalisierung?

Roll: Es gibt seit Beginn der Revolution die Herausbildung einer koptischen Jugendbewegung, die sehr selbstbewusst ist und einer Auseinandersetzung wohl nicht aus dem Weg geht. Ich würde aber nicht von militanten Tendenzen bei den Kopten sprechen.

derStandard.at: Was unterscheidet die Politik des Militärrats hinsichtlich des Schutzes der koptischen Minderheit von der des Mubarak-Regimes?

Roll: Ich glaube, dass der Militärrat in der jetzigen Situation einerseits überfordert ist und andererseits sehr unklare Signale aussendet, was den politischen Transformationsprozess anbelangt. Das birgt natürlich Konfliktpotenzial. Die Sicherheitslage im Land ist jedenfalls viel schlechter als unter Mubarak, weil die Staatssicherheit nicht mehr in dem Maße präsent ist. Das Militär hat Sicherheitsfunktionen übernommen, die vorher die Polizei innehatte, ist dabei aber viel zu wenig auf der Straße sichtbar. Gleichzeitig tut die Armee zu wenig um aus diesem Dilemma herauszukommen.

derStandard.at: Die Wahl eines neuen Staatschefs könnte sich laut des neuen Übergangsfahrplans des Militärs noch bis Anfang 2013 verzögern. Klammen sich die Generäle an die Macht?

Roll: Nach wie vor bin ich nicht der Meinung, dass die Armee politisch aktiv an der Macht bleiben will. Sie ist aber daran interessiert, dass sich auf absehbare Zeit keine unabhängigen, gut funktionierenden politischen Institutionen bilden. Ein starkes Parlament, eine vom Volk gewählte Regierung könnte die Privilegien der Armee in Frage stellen. Die Strategie der Militärführung zielt auf ein Hinauszögern des politischen Transformationsprozesses hin. Das ist ein Spiel mit dem Feuer. (flon/derStandard.at, 10.10.2011)

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    Koptische Christen versammelten sich am Montag vor einem Spital im Zentrum von Kairo, wo sie auf die Herausgabe der Leichen, der am Sonntag bei Protesten Getöteten, warten.

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    Die Gewalt in Kairo eskalierte gestern Abend.

  • Stephan Roll: "Ein starkes Parlament, eine vom Volk gewählte Regierung könnte die Privilegien der Armee in Frage stellen."
    foto: swp

    Stephan Roll: "Ein starkes Parlament, eine vom Volk gewählte Regierung könnte die Privilegien der Armee in Frage stellen."

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