Ein Leben für die Gemeinschaft

7. Oktober 2011, 18:34
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Burschenschafter werden an der Uni oft als rechtsextrem vorverurteilt - Experten haben eine differenziertere Meinung, kritisieren jedoch, dass sich die Gemäßigteren zu wenig von ihren "schwarzen Schafen" distanzieren

Wien - "Man trägt einen Schutz für den Kopf und einen für die Weichteile. Mit den Säbeln schlägt man dann auf Oberkörper und Arme" erzählt Philipp Schrangl. Der 26-Jährige berichtet nicht etwa von einem Fechtturnier, sondern von seiner ersten Mensur, dem Initiationsritus von Burschenschaften. Philipp ist damals einer pennalen Burschenschaft in Linz beigetreten, um "Gleichgesinnte zu finden und sich politisch auszutauschen". Bevor er aber vollwertiges Mitglied wurde, musste er erst mal seinen inneren Schweinehund überwinden. Bei Mittelschülern wird zwar "nur" mit stumpfen Säbeln gefochten, aber trotzdem sei das "für einen 14-Jährigen ein ziemlicher Adrenalin-Kick".

Mit dem Studium in Wien trat Schrangl dann einer akademischen Burschenschaft bei. Dort wurden aus stumpfen Klingen rasiermesserscharfe Säbel, die Verletzungsgefahr wurde real. Insgesamt hat der Burschenschafter bereits fünf Mensuren gefochten - und trotzdem keinen "Schmiss" davongetragen. "Na ja, zumindest nicht im Gesicht", fügt Schrangl lächelnd hinzu. "Natürlich ist es Wahnsinn, sich mit Säbeln auf den Kopf zu schlagen, aber es geht darum, für den Vorteil der Gemeinschaft einen persönlichen Nachteil in Kauf zu nehmen."

Nachteile nimmt der Student für seine Gemeinschaft auch im Alltag auf sich - etwa, wenn Freunde wegen dieser den Kontakt abbrechen oder er an der Uni diffamiert wird. Unter vielen Studenten gelten Burschenschafter als rechtsradikal: "Sie vertreten ein Menschenbild, das von völkischem Nationalismus und Antisemitismus geprägt ist", fasst Judith Götz vom Referat für feministische Politik an der ÖH zusammen.

"Nicht jeder ist rechtsextrem"

In jüngster Vergangenheit sorgten immer wieder Skandale in der Burschenschaftsszene für medialen Wirbel. Im Juli veröffentlichte Spiegel online Auszüge aus etwa 3000 Seiten interner Strategiepapiere und Protokolle der Deutschen Burschenschaft. Der burschenschaftlichen Gemeinschaft etwa wird "biologistischer Rassismus" vorgeworfen. Der "Burschen-Leak" zeigte auch, dass die Österreicher, die sich selbst als "Ostmärker" bezeichnen, dem rechten Rand unter den deutschsprachigen Burschenschaften angehören. "Natürlich ist nicht jeder von denen rechtsextrem oder ein Nazi", weiß Heribert Schiedl vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands und bezieht sich auf Mitglieder des Wiener Korporationsrings: "Aber die, die es nicht sind, müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, mit ihnen in einem Boot zu sitzen."
Verfeindete Lager

Man muss differenzieren: Burschenschaften sind nur ein kleiner Teil der Studentenverbindungen. Das Milieu zerfällt in drei Lager: Zum einen gibt es die deutschnationalen Burschenschaften, die parteipolitisch der FPÖ nahestehen und wenig Meinungspluralismus dulden. Die Corps wiederum gelten als konservativ-elitär und berufen sich auf das Toleranzprinzip. Schiedl weiß sogar von einem ehemaligen kommunistischen Widerstandskämpfer zu berichten, der sein Leben lang Corps-Student war. An seinem Grab chargierten dann sowohl die alten Herren des Corps als auch Kommunisten - bei Burschenschaften undenkbar. Die katholischen Studentenverbindungen wiederum sind Österreich-patriotisch, üben keine Mensur aus, aber dafür das Religionsprinzip. Sie stellen mit zirka 30.000 Mitgliedern den mit Abstand größten Teil der österreichischen Studentenverbindungen dar - der in aller Regel mit Rassismus und Rechtsextremismus nichts am Hut hat. Die Lager sind sich teils sogar feindlich gesinnt.

Burschenschafter Schrangl kann jedoch auch konträre politische Meinungen anerkennen. Er findet ganz klar: "Wer heute noch ein Nazi ist, ist dumm." Heribert Schiedl wünscht sich, dass alle österreichischen Bundesbrüder so eindeutig Stellung beziehen. (Fabian Kretschmer, UNISTANDARD, 6.10.2011)

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    Ein Festkommers der Burschenschafter in der Wiener Hofburg. Die erhobenen Säbel werden auch für die "Mensur" benützt: Neue Mitglieder müssen sich einem Fechtkampf stellen, der oft blutig endet

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