Wissen wird wenig innovativ präsentiert

9. Oktober 2011, 17:54
13 Postings

An der FH St. Pölten wurden Wissenschaftssendungen untersucht - traditionelle Rollenbilder herrschen vor

St. Pölten - Wie wissenschaftliche Ergebnisse und technologische Innovationen in Fernsehsendungen thematisiert und präsentiert werden, steht im Mittelpunkt eines Forschungsprojektes an der FH St. Pölten. Dafür untersuchte ein Team des Instituts für Medienproduktion an der FH aktuelle Wissenschaftsformate im deutschen Sprachraum und Archivmaterial des ORF.

Das Ergebnis: Die TV-Sendungen sind nicht immer so innovativ wie die Themen, über die sie berichten. Das präsentierte Wissen hat oft keinen Bezug zum Alltag der ZuseherInnen und die Vermittlung von Rollenbildern ist sehr traditionell: Männer dominieren. Frauen kommen kaum zu Wort. Auch die Darstellungsform ist eher "schulischer Frontalunterricht" als "State of the Art".

Untersuchung

Die Analyse war Teil des Forschungsvorhabens NeVisET (New Visions of Emerging Technologies), das 30 aktuelle Formate von 15 Sendern im deutschen Sprachraum und 26 Sendungsformate aus den Jahren 1950 bis 2009 verglich. Darunter waren die in ORF1 ausgestrahlten Sendungen "Newton" und der "Forscherexpress", eine Wissenschaftssendung für Kinder. Einer von drei wesentlichen Parametern der Untersuchung war die inhaltliche Beurteilung der Wissensvermittlung in Bezug auf die Alltagswelt der ZuschauerInnen. Besonders untersucht wurden auch die allgemeine Akzeptanz von Forschungsthemen im TV bei einer jungen Zielgruppe und die Tradierung von Rollenbildern, also Genderaspekte in Moderation und Off‐Text, sowie bei der Auswahl der Experten und Expertinnen. Aber auch Struktur und Gestaltungselemente von Forschungssendungen standen im Fokus des Medienforschungsprojekts.

Geschlechterverhältnisse

Im Rahmen einer vertiefenden Inhaltsanalyse waren vier Programmwochen im März 2010 mit 30 Wissenschaftssendungen untersucht worden. Davon eigneten sich 29 Sendungen für die Analyse von Genderaspekten - für das "Forum Wissenschaft" mit laufend wechselnden Diskussionsgruppen war laut Forschungsteam in dieser Hinsicht keine repräsentative Auswertung möglich.

Auffällig war demnach, dass der Großteil der Sendungen von Männern moderiert wurde (59 Prozent), nur drei Sendungen wurden ausschließlich von Frauen moderiert (zehn Prozent), eine männlich-weibliche Doppelmoderation war mit 24 Prozent noch häufiger. Noch drastischer war die Männerdominanz beim Off-Text: Kein einziges der untersuchten Formate verwendete ausschließlich weibliche Narrationsstimmen aus dem Off. Die Beiträge wurden entweder nur von männlichen Sprechern kommentiert (69 Prozent) oder abwechselnd von Männern und Frauen (31 Prozent).

Ein weiteres Detail: Wissenschafterinnen waren der Analyse zufolge zwar häufiger zu sehen, als Experten wurden aber meist Wissenschafter interviewt. In 247 ExpertInneninterviews kamen insgesamt nur 40 Expertinnen und Wissenschafterinnen (16 Prozent) zu Wort; runtergebrochen auf die Sprechzeit lag ihr Anteil bei gar nur noch 12 Prozent.

Naturwissenschaft und Bekanntes

Was die Forschungsbereiche und -aktualität betrifft, ergab die Analyse der Sendungen eine Präferenz für naturwissenschaftliche Inhalte. Nur vier von 30 Sendungen behandelten aktuelle Neuerungen aus Forschung und Wissenschaft, weitere fünf bildeten eine Mischform: Sie behandelten aktuelle Themen und bereits bekannte Themen. Fünf Formate wiesen darüber hinaus eine aufwendige Darstellung durch den Einsatz von Animationen, Spezialeffekten und/oder Reenactment bei den Umsetzungen der wissenschaftlichen Themen auf. Angebote zur Interaktivität gab es wenige innerhalb der Sendungen.

Entwicklung eines neuen Formats

Die Studienergebnisse fließen in ein TV-Pilotprojekt ein, dessen erste Bilder kürzlich im Rahmen der Veranstaltung "FIT für Forschung" in St. Pölten präsentiert wurden. "Die Ergebnisse dieser Analyse sind Basis des neu entwickelten TV-Formats 'tagged'. Mit speziellen Themen, den eingesetzten Gestaltungselementen und dem Sendungsaufbau setzen wir mit 'tagged' einen Kontrast zu herkömmlichen Wissenschaftsformaten. Schließlich wollen wir damit auch ein junges Publikum erreichen und einem kritischen Umgang mit Wissen gerecht werden", erläuterte NeVisET-Key Researcherin Rosa von Suess.

Das neue Format, für das die Forscherin mit einem Team aus jungen ForscherInnen, Studierenden und Profis aus der Filmproduktion zusammenarbeitet, soll Wissen mit Bezug zum Alltag vermitteln, mit neuen Darstellungsformen experimentieren und eine gendergerechte Rollenverteilung widerspiegeln. Ende November soll die Pilotsendung vorliegen. (red)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wie aktuelle wissenschaftliche Inhalte ins Bild gerückt und transportiert werden, wurden an der FH St. Pölten untersucht.

Share if you care.