Rundschau: Die Töchter von Metropolis

    Ansichtssache22. Oktober 2011, 10:13
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    Urbane Visionen in Romanen von Arthur C. Clarke, China Miéville, Carlton Mellick III, Thomas Elbel und David Whitley

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    coverfoto: blanvalet

    Brenda Cooper: "Sternenwind"

    Broschiert, 432 Seiten, € 9,30, Blanvalet 2011

    Geduld ist etwas anderes als Vergebung - einer der wichtigeren Sätze in Brenda Coopers Kolonial-Saga "Sternenwind", und hinter ihm steht eine jahrzehntelange Leidensgeschichte. Der alles in allem sehr erdähnliche Planet Fremont wurde einst von ein paar tausend Menschen besiedelt, die sich ihre körperliche Ursprünglichkeit bewahren wollten, während draußen in der Galaxis genetische Modifikationen längst ein Muss sind. Als in einer zweiten Welle just solche Modifizierte auf Fremont landeten, führte dies zu einem verlustreichen Krieg und der Vertreibung der Neuankömmlinge. Als Erbe des Konflikts sind sechs verwaiste Kinder - darunter Ich-Erzählerin Chelo - auf Fremont zurückgeblieben, die von den SiedlerInnen nolens volens adoptiert wurden. Jahre später, als aus den Kindern Teenager geworden sind, die sich nicht mehr so leicht kontrollieren lassen und überdies allmählich die Möglichkeiten ihrer diversen genetischen "Aufwertungen" entdecken, wächst das wechselseitige Misstrauen und mündet in einen offenen Konflikt.

    Das wäre die gesamte Handlung in einem Absatz zusammengefasst - nun also zum Drumherum. Die US-Autorin Brenda Cooper hat bislang noch keine Bibliotheken gefüllt, kann aber immerhin schon auf einen SF-Roman zurückblicken, den sie gemeinsam mit Star-Autor Larry Niven geschrieben hat ("Building Harlequin's Moon"). "Sternenwind" (im Original "The Silver Ship and the Sea") war ihr erstes längeres Solo-Werk und bildete 2007 den Auftakt zu einer mittlerweile bereits abgeschlossenen Trilogie. Der englische Titel weckt fantasyeske Assoziationen, und das Low-Tech-Ambiente von Fremont sowie Teile des Plots scheinen dies zu stützen - mit Science Fantasy hat der Roman dennoch nichts zu tun. Hier gehen keine Telepathen auf esoterische Trips oder möblieren Alien-Dynastien ihre steinernen Burgen mit hochtechnologischen Versatzstücken. Cooper achtet sorgsam darauf, dass sie nicht in die Magie abdriftet - selbst da, wo dies zunächst den Anschein hat: Den Wind lesen nennt die Autorin nämlich die Gabe zweier genmodifizierter Kinder, sich geistig in die Datenströme des Fremontschen Umwelt-Monitorings einzuklinken. Später wird beiläufig erwähnt, dass die betreffenden Kinder kommunikationsfähige Nanomaschinen im Blut haben - Handwaving würde man im Englischen eine solche Schnell-Erklärung wohl nennen, aber immerhin.

    Insgesamt wirkt das Bedürfnis der kleinen Kolonie nach dichtestmöglicher Simultan-Info über ihre Umwelt doch ein wenig aufgesetzt - schön, wenn man weiß, wann Meteoriteneinschläge und Erdbeben bevorstehen. So richtig sinnvoll wäre es aber nur, wenn man auch die technischen Mittel hätte, auf solche Bedrohungen zu reagieren. Das Netzwerk an "Datenkapseln" bleibt aber das einzige permanent genutzte HighTech-Erbstück aus der Vergangenheit, ansonsten geht es eher bukolisch zu. Da wird die Handwerkskunst gepflegt, Tauschhandel betrieben und auf Gebras genannten klugen Huftieren geritten; die Amischen hätten sich hier durchaus zuhause gefühlt. Und Fremont ist auch keineswegs die Höllenwelt, zu der sie im Klappentext stilisiert wird: Weder Vulkanausbrüche noch Meteoriteneinschläge spielen für die Handlung eine Rolle, das Fremontsche Gras, das Arme und Beine bis auf den Knochen aufschlitzen kann, fügt an einer einzigen Stelle Chelo ein paar kleinere Ritzer zu (die hätte mal sehen sollen, was die verdammte Mini-Palme meiner Mama, die wir jeden Herbst aus dem Freien in den Wintergarten zurückschleppen mussten, mit mir gemacht hat!), und die örtlichen Raubtiere sind weder so gewaltig, wie es der Klappentext suggeriert, noch so fremdartig, wie Cooper glaubt. Noch vor 12.000 Jahren haben unsere Vorfahren Exotischeres gesehen. Alles im Rahmen also.

    Vieles in Coopers Roman ließe sich unter dem Stichwort "soft" zusammenfassen. Letztlich gilt dies auch für das Human Drama, auch wenn hier die eigentliche Stärke des Romans liegt - im Hoffen, Bangen und Mitleiden mit grundsympathischen Identifikationsfiguren als ProtagonistInnen. Dass wir durchgehend bei einer Perspektive - der von Chelo -  bleiben, ist ein mindestens so Young-Adult-typisches Element wie das Alter der ProtagonistInnen selbst oder der Plot, der sich um Reifung und Selbstfindung unter erschwerten Umständen dreht. Der zentrale Satz des Romans, exakt in dessen Mitte platziert, lautet folgerichtig: "Doch zuvor musst du lernen, wer du bist, und entscheiden, was du willst" - und so durchleben Chelo und ihre fünf Unterartgenossen inmitten all der SF-Elemente eben auch ihr persönliches "Dawson's Creek"-Szenario. Wirklich reif ist dann die Auflösung des Konflikts, nicht zuletzt weil Cooper dankenswerterweise darauf verzichtet, die erwachsenen KontrahentInnen ihrer Hauptfiguren als eindimensionale Bösewichte zu schildern.

    Was "Sternenwind" auszeichnet, ist die langsame und überaus glaubhaft geschilderte Eskalation des Konflikts innerhalb der Kolonie - bis hin zum dramatischen Höhepunkt, wenn sich Familienmitglieder unter Waffen gegenüberstehen. Allerdings wäre daraus vor 30, 40 Jahren höchstens ein 200-Seiten-Roman geworden, und es hätte nichts gefehlt. Nichtsdestotrotz hatte Cooper Größeres im Auge - wie gesagt handelt es sich um den ersten Band einer Trilogie, der zweite ("Das silberne Schiff", im Original: "Reading the Wind") wird im März erscheinen.

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