Rundschau: Die Töchter von Metropolis

    Ansichtssache22. Oktober 2011, 10:13
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    Urbane Visionen in Romanen von Arthur C. Clarke, China Miéville, Carlton Mellick III, Thomas Elbel und David Whitley

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    coverfoto: piper

    Thomas Elbel: "Asylon"

    Broschiert, 441 Seiten, € 10,30, Piper 2011

    Eine bzw. "die" letzte Stadt auf Erden, umgeben von einer Wüste ... klingt das bekannt? Dass "Asylon", Debütroman des deutschen Autors Thomas Elbel, in dieser Rundschau nicht unmittelbar hinter Arthur C. Clarkes "Die Stadt und die Sterne" gereiht ist, hat weniger damit zu tun, dass der Vergleich unfair wäre - er ist einfach nicht möglich. Wo es Clarke wirklich um die Zukunft und den möglichen Platz der Menschheit darin ging, zielt Elbel auf die Gegenwart ab und tut dies in Form eines Noir-Thrillers. Seine Stadt, erst spät im Roman als "Asylon" betitelt, ist auch kein hochtechnologisches Utopia, sondern ein Rattenloch. Eine Mauer, Minenfelder und Selbstschussanlagen sollen das letzte Bollwerk der Zivilisation gegen die Klimaflüchtlinge, die nach einer weltweiten Katastrophe angeblich noch durch die Einöde wanken, draußen halten. Nicht dass es drinnen so viel lebenswerter wäre: Asylon präsentiert sich als verwahrloster Architekturdschungel, der Rätsel in Sachen Statik und Ressourcenversorgung aufwirft - zumindest letzteres wird geklärt.

    Asylon zerfällt in ethnische Viertel mit pittoresken Namen wie Thaitown, Balkana oder New Maghreb, die von mafiösen Clans mit Obermotzen wie Drei-Finger-Feng (da liegt ein Hauch Nick Knatterton in der Luft) beherrscht werden. Elbels originellste Idee sind die Leveller, eine der Polizei unterstellte, zugleich jedoch von ihr verachtete Spezialtruppe, die durch gezielte Tötungen für Machtausgleich zwischen den Clans sorgen soll. Dieses ungewöhnliche System funktioniert ganz gut - bis Masterleveller Torn Gaser eines Tages eine nicht abgesegnete Tötung in die Schuhe geschoben wird. Für Torn kommt es in rascher Abfolge knüppeldick: Er verliert seinen Job und steht fortan auf der Abschussliste der Clans, zudem erleidet seine Frau eine Fehlgeburt. Zumindest ist das die offizielle Version - sie selbst beharrt darauf, dass man ihr das Kind weggenommen habe, und verfällt dem Wahnsinn.

    Zweite Hauptfigur des Romans ist die Technikerin Saïna, die - zunächst noch nichtsahnend - in zweifacher Weise mit Torn verbunden ist: Sie arbeitet in dem Krankenhaus, in dem Torns Frau entbindet, zugleich war sie die beste Freundin eines Minen-Opfers, das Torn zu Romanbeginn gefunden hat. Und schon stecken beide mitten in einem Geschehen, das sich um Politik, Lügen, gelöschte Identitäten, jede Menge Leichen und letztlich das große Geheimnis der Stadt dreht. Die Besetzung komplettieren einige Nebenfiguren in unerwarteten Doppelrollen, darunter ein Anwärter auf den fiesesten Psychopathen, den sich ein Autor nur ausdenken kann, ein Polizist, der fast genauso zynisch ist, und eine echt ehrliche Haut. Gelegentlich fällt die Personenzeichnung sehr plakativ aus, speziell was die StatistInnen betrifft. Sei es eine Harpyie in Krankenschwesternuniform oder ein "schmieriger" Gauner, der mal kurz durchs Bild huscht - man merkt zumindest immer gleich, wenn der Autor jemanden als unsympathisch verstanden haben will.

    Was das Rätsel der Stadt betrifft, sei nur gesagt, dass wir hier nicht wie bei Andreas Brandhorsts vor kurzem erschienenem Roman "Die Stadt" bewusst im Unklaren gelassen werden. Alle, die eine eindeutige Antwort auf alle Fragen erwarten, werden diese auch erhalten. So ganz überraschend kommen die folgenden Plot-Wendungen dann zwar nicht (einen ersten sehr deutlichen Hinweis, dass die Dinge anders liegen dürften, als man in Asylon glaubt, gibt es am Ende des ersten Romanviertels), aber das tut der Spannung keinen Abbruch.

    Probleme hat der Roman hingegen sprachlich: Immer wieder bremsen umständliche Formulierungen - ein unnötiges Attribut hier, eine Sprachunsicherheit da - die Dynamik der Situation ab oder lassen eine Stilblüte sprossen. Da gähnt nicht nur jeder Abgrund (warum Abgründe immer gähnen müssen, habe ich ohnehin nie verstanden), da gähnen dem Helden auch schon mal Mauern entgegen. Oder: Schneidender Grimm ergriff Besitz von ihm und benebelte seine Sinne. Und so weiter. Was sich als Einzelfälle betrachten (und vom Lektor ausmerzen) ließe. Problematischer ist hingegen, dass eine klar durchgezogene sprachliche Linie fehlt. Da flucht der Held - dem dreckigen Ambiente des Romans absolut angemessen - ordinär vor sich hin ... um gleich darauf auf seine vier Buchstaben zu fallen; und derlei Altbacken-Niedliches taucht immer wieder auf und beißt sich kräftig mit der Grind-Atmosphäre von Asylon. Kurz gesagt: Der Autor weiß, wie man eine solide Spannungsgeschichte konstruiert, hat aber noch nicht zu seiner Sprache gefunden.

    ... da das aber - mit Blick auf die durch die Bank positiven Reaktionen - niemanden groß zu stören scheint, wird Elbel mit Sicherheit die Gelegenheit bekommen, seinen Stil in weiteren Romanen zu schärfen. Es ist noch viel Luft nach oben.

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