Rundschau: Die Töchter von Metropolis

    Ansichtssache22. Oktober 2011, 10:13
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    Urbane Visionen in Romanen von Arthur C. Clarke, China Miéville, Carlton Mellick III, Thomas Elbel und David Whitley

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    coverfoto: heyne

    Greg Bear: "Das Schiff"

    Broschiert, 478 Seiten, € 9,30, Heyne 2011

    Nach aktueller Science Fiction wurde letzten Monat gefragt - ich würde dieses Buch empfehlen. Greg Bear, der zuletzt in seinem sehr nach Alterswerk riechenden Mastodonwälzer "Die Stadt am Ende der Zeit" mehr als einmal den Faden verlor, hat sich wieder auf einige Grundessenzen eines SF-Plots besonnen und einen turborasanten Roman um ein Generationenschiff geschrieben (2010 als "Hull Zero Three" veröffentlicht). Dabei bietet "Das Schiff" nicht weniger philosophische Anstöße als die metaphysisch verschwurbelte "Stadt" - nur sausen sie einem hier gewissermaßen wie die Querschläger eines Kampfes um die Ohren, den die ProtagonistInnen vom ersten bis zum letzten Kapitel ums Überleben führen.

    Wir schließen uns zu Gruppen zusammen, fassen uns an den Händen und bilden schwankende, schwerelose Reihen in der Aussichtskuppel, rufen einander bei den Namen unserer Traumzeit und grinsen vor Freude, bis sich unsere Wangen verkrampfen. Um die Gesichter zu entspannen, ziehen wir grässliche oder komische Grimassen, wie Clowns. Bald werden wir neue Namen auswählen: Namen für das Land, das Meer, die Luft. (...) WIR! SIND! ANGEKOMMEN! "Das Schiff" beginnt mir einer kitschigen Vision der aus dem Kälteschlaf erwachten Weltraumreisenden, die über ihrer neuen Heimat einschweben. Fehlt nur noch eine nordkoreanische Jubelchoreographie - und genauso echt sind die Freudenszenen auch. Kurz darauf erwacht der namenlose Ich-Erzähler des Romans nämlich wirklich ... und glaubt in einem Albtraum gelandet zu sein: Rings um ihn platzen die organischen Säcke, aus denen die Reisenden "geboren" werden sollten, auf und ergießen ihre zuckenden Inhalte auf den eisigen Boden, wo sie sofort festfrieren und sterben. Der Erzähler büßt einige Hautfetzen ein, kann jedoch zumindest dieser ersten Hölle entkommen - dank einem dünnen kleinen (und ziemlich herrisch veranlagten) Mädchen, das ihn aus seiner Plazenta reißt und gnadenlos weiterpeitscht. Es folgt eine Hetzjagd durch gefrierende Schiffsregionen, aus- und wieder einsetzende Schwerkraft und vorwarnungslos wie eine Guillotine herabzischende Schotts. Leichen liegen herum, riesenhaften Insekten ähnelnde Kunstgeschöpfe lauern auf Opfer ... und hastdunichtgesehen sind die ersten 100 Seiten vorbei. Bear ist offenbar angetreten, das Tempo einer Kurzgeschichte auf der Länge einer Novelle und vielleicht sogar eines ganzen Romans durchzuhalten.

    Ein besonderer Reiz liegt darin, dass der Erzähler - vom Mädchen Lehrer genannt - ohne Gedächtnis erwacht ist, also bei Null beginnt und parallel zu uns seine bizarre Umgebung kennenlernt. Dass "Das Schiff" im Präsens erzählt wird, wirkt daher auch weniger wie eine bewusste Entscheidung des Autors als vielmehr wie die einzig denkbare Möglichkeit. Äußere Gefahren zu überstehen ist das eine - die wahren Triumphe fühlt der Lehrer aber, wenn kleine Teile seiner Erinnerungen zurückkehren. Wie ein Kind kann er sich inmitten des atemlosen Geschehens über Begriffe und Redewendungen freuen, die wieder in seinem Gedächtnis auftauchen und erste Hinweise auf das Rätsel seiner Existenz bieten. Aber mit den Erinnerungen kommt auch neues Unbehagen (eine bezeichnende Kapitelüberschrift lautet Schlechte Nachrichten, und es kommt noch schlimmer), und als nach dem ersten Romanviertel eine leichte Beruhigung eintritt, ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme.

    Ganz offensichtlich ist etwas mächtig schiefgegangen. Das ist dem Lehrer ebenso klar wie dem kleinen Häuflein anderer Überlebender, das sich um ihn versammelt; darunter einige körperlich veränderte Menschen und ein Kunstgeschöpf mit mörderischen Fähigkeiten, aber lauterem Charakter. Das Schiff ist krank, stellt einer von ihnen fest. Doch was konnte das gigantische Schiff - ein Konstrukt von drei jeweils zwölf Kilometer langen Archen, die mit einem Kometen bzw. "Eismond" verbunden sind - vom Kurs abbringen? War es ein Unfall, Sabotage oder ein interner Konflikt? Wer ist die ominöse Reiseleitung, und wer die nicht weniger rätselhafte Mutter, von der das Mädchen spricht? Ihre Suche nach Antworten wird die kleine Gruppe aus dem feindlichen Habitat, in dem sie erwacht sind, in den benachbarten Schiffskörper 03 (daher der Originaltitel) führen. Des Rätsels Lösung kommt dann nicht in Form einer einzigen großen Enthüllungspassage, sondern nach und nach, ganz wie die Erinnerungen der Romanfiguren.

    Was die Action-Handlung betrifft, erinnert Bears Roman an so manchen Klassiker. Mit Arthur C. Clarkes "Rendezvous mit Rama" etwa teilt er die Erkundung eines Raumriesen, dessen monumentale Binnenarchitektur immer wieder beeindruckt. Wenngleich hier nicht unbeschwert durch die (Teil-)Schwerelosigkeit geturnt werden kann und der Gesamteindruck viel klaustrophobischer ist. Die Begegnung mit "Monstern" in einer Abfallbeseitigungsanlage hingegen - die kennen wir doch aus "Krieg der Sterne". Wurde George Lucas' Film seinerzeit die Plot-Struktur eines Video-Spiels zugeschrieben, dann ist der Vergleich auch hier nicht von der Hand zu weisen: Schließlich kämpfen sich Bears Figuren wortwörtlich von Ebene zu Ebene und von Gefahr zu Gefahr. Und wenn sie sich erst mal zu einem zentralen Punkt des Schiffs vorgearbeitet haben und ihrerseits beginnen, die Möglichkeiten der vorhandenen Supertechnik für sich zu nutzen, dann ist das gar nicht so weit entfernt von Philip José Farmers "Das magische Labyrinth" bzw. "Götter der Flusswelt": Endlich im geheimnisvollen Turm am Pol der Flusswelt angekommen, erfuhren Farmers ProtagonistInnen nicht nur den Hintergrund des großen Konflikts, der ihr gesamtes Leben als Wiedererweckte geprägt hatte. Sie mussten auch erkennen, dass jemand aus ihren Reihen falsches Spiel treibt - ganz wie es in "Das Schiff" der Fall ist.

    Nachdem einem der Roman auf den ersten 100 Seiten mit Existenzialismus quasi ins Gesicht gesprungen ist, beschränkt er sich hinterher erst recht nicht mehr auf bloße Action um der Action willen. Bear konfrontiert seine RomanheldInnen damit, dass sie alles in Frage stellen müssen: Die Authentizität ihrer Erinnerungen, welche genauso "maßangefertigt" sein könnten wie ihre Körper, ihre Identität als eigenständig handelnde Personen (bzw. überhaupt als Personen) und letztlich die ethischen Rahmenbedingungen des hoffnungsvollen Kolonialisierungsprojekts an sich. Hübsch hässliche Einblicke ins Wesen des Menschen, verbunden mit großem visuellen Einfallsreichtum und durchgängig hohem Tempo machen "Das Schiff" zu einem rundum gelungenen Genre-Roman. Mich zumindest hat er gepackt.

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