Rundschau: Die Töchter von Metropolis

    Ansichtssache22. Oktober 2011, 10:13
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    Urbane Visionen in Romanen von Arthur C. Clarke, China Miéville, Carlton Mellick III, Thomas Elbel und David Whitley

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    coverfoto: eraserhead press

    Mykle Hansen: "The Cannibal's Guide to Ethical Living"

    Broschiert, 165 Seiten, Eraserhead Press 2011

    Was sag ich immer über die Bedeutung des ersten Satzes einer Erzählung? Erst mal den hier überbieten: I've got to stop eating millionaires. Bizarro-Autor Mykle Hansen, der mit der (Selbst-)Zerfleischungsorgie "Help! A Bear Is Eating Me!" einen der lustigsten, weil bösesten Romane der letzten Jahre vorgelegt hatte, ist dem Thema Gaumenfreuden treu geblieben, und auch im zweiten Gang liegt Menschenfleisch auf dem Teller. (Dazwischen gab es noch die Storysammlung "Rampaging Fuckers of Everything on the Crazy Shitting Planet of the Vomit Atmosphere", das die Bizarro-typische Titelfindung unappetitlich aufs Korn nahm, aber das war bloß der Magenbitter zwischendurch.)

    Diesmal geht es um den renommierten Gastro-Kritiker Louis de Gustibus, der von seinem alten Bekannten André auf dessen schwimmendes Luxus-Restaurant "L'Arche" eingeladen wird. Und sich dort mit Andrés ganz spezieller Menükarte konfrontiert sieht. Als literarische Bezüge führt Hansens Verlag Michael Pollans "Das Omnivoren-Dilemma" und Jonathan Safran Foers "Tiere essen" an, aber neben diesen eher harmlosen Büchern und galligen Filmkomödien wie "Eat the Rich" oder "Last Supper" liegt wohl auch Jean Ziegler nicht fern. Siehe etwa Andrés Bild von Finanzjongleuren als "Kühen, die einander melken, ohne sich zwischendurch Zeit zum Grasen zu nehmen". Man beachte: Es geht nicht einfach nur darum Menschen zu essen, sondern ausschließlich Millionäre, und in Andrés Suada zur Begründung seiner Essgewohnheiten klingt jede Menge echte Verbitterung des Autors über ökonomische Missverhältnisse an.

    Ein paar Argumente gefällig? Aber bitte: Schließlich sind in einer zu Tode geschröpften Welt Millionäre die letzte gedeihende Megafauna des Planeten, und: They were not raised in stacked boxes, unable to stand, injected with growth hormones and forced to shit upon one another. Millionaires are the definition of free-ranging; they're as ethically clean as they are flavorful and nutritious. Des weiteren ist das Team von "L'Arche" sehr bemüht, Millionären die Leidensfähigkeit zurückzugeben, die diese an den Rest der Menschheit "verloren" haben: Here at L'Arche we return their lost suffering to them. We help them to understand how the other half hurts. That is but one of the many elite services we provide. - Und derart zündende Argumente werden schon früh im Roman verballert; man fragt sich doch, was da noch kommen mag!

    Die Antwort liegt im äußeren Rahmen, in dem André seine Schilderungen - "The Cannibal's Guide to Ethical Living" ist wie schon zuvor "Help! A Bear Is Eating Me!" in Monolog-Form geschrieben - abspult. Denn Louis und André führen nicht etwa ein philosophisches Tischgespräch in kultiviertem Ambiente, hier ist schon vor Beginn des Romans alles den Bach runter gegangen: Am Boden wimmeln Ratten durch Blutlachen und vor der Kombüse tobt Psychopath Marko, der Kapitän des Restaurantschiffs. Auf der nahegelegenen Insel Cristobal Minor - irgendwo in den verseuchten Gewässern des Great Pacific Garbage Patch - haben sich bewaffnete Eingeborene zusammengerottet und noch weiter draußen ziehen raketenbewehrte Millionärsyachten ihre Kreise. Ein mehrfacher Belagerungsring, und in dessen Zentrum liegt der arme Louis de Gustibus gefesselt und geknebelt unter Deck. Geknebelt zumindest, solange er nichts zu schlucken bekommt.

    "The Cannibal's Guide to Ethical Living" gerät zu einem intensiven (Entschuldigung für das grässliche Wortspiel) Speisekammerspiel, in dessen Verlauf die vergangenen Geschehnisse und das Beziehungsgeflecht zwischen den Protagonisten langsam aufgedröselt werden; auch das eine Struktur, die Hansen aus "Help! A Bear Is Eating Me!" übernommen hat. Besonders schauderhaft dabei ist Andrés zwiespältiges Handeln: Zum einen will er Louis vor dem tobenden Marko schützen, zum anderen erweist er sich mit seinen "Rettungsmaßnahmen" als die viel konkretere Gefahr. Das Dilemma des Monats: Was tun, wenn man von einem psychisch labilen Kannibalen als Versteckmöglichkeit wahlweise den Ofen oder einen großen Topf angeboten bekommt? Dazu hagelt es jede Menge Pointen, blasphemische Ausflüge - etwa über Adam, Eva und die berühmte Rippe - und Sätze, die die Absurdität der Situation derart auf die Spitze treiben, dass man einfach wegbricht: "Just open wide, bite down ... no, don't spit it out Louis! Eat your millionaires, they're good for you."

    Vor genau zehn Jahren und vier Monaten hat ein einziges Buch (der Titel ist mir mittlerweile leider entfallen) ausgereicht, mich zum Vegetarier zu machen. Bin ich froh, dass ich mittlerweile nicht mehr so leicht zu beeinflussen bin.

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