Eine Schule ohne Pausenglocke

24. September 2011, 10:00
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Mehr als 2000 Kinder werden von ihren Eltern oder in Kleingruppen unterrichtet - Erfolgreich, wie die jährlichen externen Prüfungen zeigen

Sophie sitzt am Kaffeehaustisch und zeichnet mit blauem Buntstift Pflanzen in ihr Malbuch. "Das ist Himmelsgras", erklärt die knapp Siebenjährige und greift zum braunen Stift. "Ich bin Mona Lisa" schreibt sie in Blockbuchstaben dazu. Lesen und Schreiben hat sich Sophie selbst beigebracht. "Irgendwie ist das einfach so gekommen", erzählt das Mädchen mit den langen dunklen Haaren und beginnt in der Speisekarte zu lesen. "Red Bull", entziffert Sophie stolz. "Super", wird sie von ihrer Mutter gelobt. "Trinken darfst du es trotzdem nicht", sagt Jacqueline Godany und lacht.

"Es ist wie beim Radfahren", schildert Godany, irgendwann macht es klick, und die Kinder können lesen. Man müsse ihnen nur Lernblätter, Papier und Stifte zur Verfügung stellen. Darauf sollten Eltern vertrauen, auch wenn das nicht immer leichtfalle.

Kein Vertrauen hat Jacqueline Godany hingegen in das "System Schule", das sich seit 150 Jahren nicht geändert habe, wie sie sagt. Deshalb unterrichtet sie ihre Tochter selbst. Bildung sei sehr wichtig, "aber die findet nicht in der Schule statt", ist die Fotografin überzeugt. Die offizielle Bezeichnung "häuslicher Unterricht" mag die Alleinerzieherin auch nicht besonders. "Mein Kind lernt überall, für mich macht es keinen Sinn, einfach nur die Schule nach Hause zu holen", sagt sie, wie das viele Eltern machen würden, die ihre Kinder zu Hause unterrichten.

Sophie ist eines von 2200 schulpflichtigen Kindern, die in Österreich zum Unterricht daheim angemeldet sind, und die Zahlen scheinen zu steigen. In Wien wurden bisher jährlich zwischen 300 und 320 Anträge beim Stadtschulrat gestellt, für dieses Schuljahr waren es 350. "Man kann allerdings noch nicht sagen, ob das ein statistischer Ausreißer ist", betont Arno Langmeier, der Leiter des Referats für Externistenangelegenheiten im Stadtschulrat.

Das Prozedere ist einfach: Die Eltern müssen jedes Jahr vor Schulbeginn einen Antrag beim Stadtschulrat beziehungsweise beim Bezirksschulinspektor einreichen, danach erhalten sie per Bescheid die Erlaubnis zum Selbstunterrichten. Der Lernfortschritt wird einmal jährlich bei einer Prüfung an einer Schule beurteilt.

Nur in den seltensten Fällen wird ein Antrag nicht genehmigt. "Wenn Eltern etwa das dritte Kind zum häuslichen Unterricht anmelden und sich schon bei den älteren Geschwistern gezeigt hat, dass es nicht funktioniert", erläutert Langmeier.

Der Heimunterricht scheint prinzipiell zu klappen. "Im Volksschulalter kommt es so gut wie nie vor, dass ein Kind die Prüfung nicht schafft, sagt Langmeier. Auch Johann Beiglböck, der die Externistenkommission am Wiedner Gymnasium leitet, erlebt, dass die rund 20 Schüler, die jedes Jahr die Externistenprüfungen für die AHS-Unterstufe ablegen, den Unterrichtsstoff beherrschen. "Kinder, die es nicht schaffen, sind die große Ausnahme", sagt Beiglböck.

Gründe, warum sie ihre Kinder nicht in eine herkömmliche Schule geben wollen, brauchen die Eltern nicht anzugeben. Viele Kinder werden auch nicht daheim unterrichtet, sondern besuchen eine Schule ohne Öffentlichkeitsrecht oder private Lerngruppen.

Jacqueline Godany stößt mit dem Entschluss, ihre Tochter selbst zu unterrichten, immer wieder auf Ablehnung. "Das arme Kind darf nicht in die Schule", bekommt sie oft zu hören. Sie sei sich dessen bewusst, betont sie, dass dieses Lebensmodell nicht für alle geeignet sei, und sie als Freischaffende über den Luxus verfüge, ihre Zeit selbst einteilen zu können.

Auch die immer wiederkehrenden Bedenken, dass Kinder, die von den Eltern unterrichtet werden, Defizite in ihrer sozialen Entwicklung aufwiesen, kann Godany nicht nachvollziehen. "Sophie hat viele Freunde, ist immer unter Kindern und lernt genauso Konflikte auszutragen wie Kinder, die in die Schule gehen. Aber sie muss dafür nicht jeden Tag mit 25 Gleichaltrigen zusammen sein". Sie wünsche sich ein freies, selbstbewusstes Kind, sagt Godany. "Und wenn Sophie eines Tages doch lieber in die Schule gehen möchte, dann kann sie das natürlich tun."(Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD; Printausgabe, 24./25.9.2011)

Wenn Sophie eines Tages lieber in die Schule gehen möchte, kann sie das natürlich tun.

Jacqueline Godany

 

 

  • Für Sophie und Jacqueline Godany ist Lernen nicht an einen Ort gebunden. Lesen 
übt die Siebenjährige auch mit der Speisekarte im Café.
    illustration: der standard

    Für Sophie und Jacqueline Godany ist Lernen nicht an einen Ort gebunden. Lesen übt die Siebenjährige auch mit der Speisekarte im Café.

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