Cannabinoide als unverzichtbare Option

    23. September 2011, 09:29
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    Experten fordern EU-weite Verfügbarkeit und Kassen-Erstattung standardisierter Cannabinoid-Arzneimittel

    Hamburg - „Der therapeutische Einsatz von Cannabinoiden in der Behandlung bestimmter chronischer Schmerzen ist heute, durch Daten gut belegt, in vielen Fällen eine zweckmäßige und unverzichtbare Option. Mit einer Legalisierung von Marijuana oder des Cannabis-Anbaus hat der Einsatz solcher standardisierter und rezeptierter Arzneimittel absolut nichts zu tun", betonte der Präsident des Dachverbandes europäischer Schmerzgesellschaften EFIC, Hans Georg Kress, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin mit Schmerzzentrum der medizinischen Universität in Wien, gestern im Rahmen des Europäischen Schmerz-Kongresses EFIC 2011 in Hamburg. „Als zusätzliche Therapieoption vor allem bei chronischen Schmerzzuständen wie Tumorschmerz, HIV-bedingte Nervenschmerzen oder Spastik bei Multipler Sklerose leisten Cannabinoide hervorragende und weitgehend nebenwirkungsarme Dienste, auch wenn ihre hochkomplexe Wirkungsweise in bestimmten Situationen große Achtsamkeit und Expertise erfordert."

    Modulierte Schmerzwahrnehmung

    Cannabinoide sind eine Klasse von Substanzen, die der menschliche Organismus selbst produziert. Sie modulieren Teile des Lern- bzw. Belohnungssystems sowie des Immunsystems. Docken sie  Cannabinoid-Rezeptoren (CB1und CB2) an, wirken sie unter anderem schmerzlindernd. Intensive Schmerzzustände können sich dadurch verbessern, wenn dem Körper zusätzliche Cannabinoide zugeführt werden. In der therapeutischen Praxis wird dafür der Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) eingesetzt. Dieser wird, wie das in einigen europäischen Staaten rezeptierbare Präparat Dronabinol aus der natürlichen Hanfpflanze gewonnen oder aber, wie das in den USA zugelassenen Präparat Marinol, synthetisch hergestellt.

    „Zunächst wurden Cannabinoide vor allem bei Tumor- und HIV-Patienten eingesetzt, um Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust zu behandeln", so Kress. Inzwischen ist ein wesentlich breiteres Wirkungsspektrum belegt: THC wirkt auch bei bestimmten Neuropathien infolge einer HIV-Infektion, Multipler Sklerose, dem Querschnittssysndrom oder anderen spastisch bedingten Schmerzen. Außerdem gibt es vielversprechende Hinweise auf Potenzial dieser Arzneimittel in der Behandlung verschiedener chronisch-entzündlicher Erkrankungen, wie Rheumatoider Arthritis oder chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen. Besonders synergetisch ist die Kombination von THC mit einer klassischen Opioid-Therapie, so Kress: „Anders als Opioide führen Cannabinoide auch bei Überdosierung zu keiner potenziell lebensgefährlichen Atemdepression und auch zu keiner Unterdrückung der wichtigen Abwehrfunktion gegen infektiöse Keime."

    Schmerzdämpfende Wirkung

    Dieses Wirkprofil von THC verringert sich nicht durch die Tatsache, dass eine Reihe von Studien keine Wirksamkeit gegen Akutschmerz belegen konnten, und dass in Einzelfällen sogar Hyperalgesien (Überempfindlichkeit gegenüber schmerzhaften Reizen) ausgelöst werden können. „Tatsächlich ist die Wirkung von THC im Rückenmark äußerst komplex", erläuterte der Wiener Schmerzexperte. Die Aktivierung des CB1-Rezeptors kann nicht nur die Weiterleitung schmerzhafter Erregungsreize blockieren, sondern unter bestimmten Umständen auch die entgegengesetzte Wirkung entfalten, wie auf dem Kongress diskutierte Studien und Analysen zeigen. Die Erklärung dafür ist die hemmende Wirkung der Cannabinoide auf die natürliche „absteigende Schmerzhemmung" im Rückenmark, die bei akuten Schmerzen somit eher schmerzverstärkend wirken kann. Bei chronischen Schmerzen fehlt oder versagt diese natürliche Schmerzhemmung oftmals, sodass dann Cannabinoide nur noch überwiegend analgetische, schmerzdämpfende Wirkungen zeigen. Kress: „Dies würde beispielsweise das gute Ansprechen chronischer neuropathischer Schmerzen auf Cannabinoid-Arzneimittel erklären."

    In den vergangenen Jahren gab es, so der Experte, zunehmend qualitativ hochstehende, randomisierte, kontrollierte, klinisch-wissenschaftliche Untersuchungen zum schmerztherapeutischen Nutzen von Cannabinoiden. Auch auf dem aktuellen EFIC Kongress in Hamburg werden neue wissenschaftlichen Daten zu diesem Thema präsentiert: So zeigt etwa eine aktuelle kanadische Studie, dass sich das synthetische Cannabinoid Nabilone bei MS-Patientenn mit neuropathischen Schmerzen als wirksame und gut verträgliche Additivtherapie zu Gabapentin erwiesen hat.

    Zulassung und Kassen-Erstattung gefordert

    Für die Schmerzbehandlung sind Cannabinoid-Präparate wie Dronabinol (THC) derzeit unter anderem in Deutschland, Österreich, Kanada, Großbritannien, Tschechien und Dänemark verschreibbar, als Sublingual-Spray bestehen Zulassungen in Kanada, Großbritannien, Spanien, Deutschland und Dänemark. „Im Interesse zahlreicher Schmerzpatienten ist die EU-weite Zulassung von cannabinoidhaltigen Fertigarzneimitteln für die Schmerz- und Palliativtherapie, sowie ihre Refundierung durch die nationalen Krankenkassen ein wichtiges Anliegen der Europäischen Schmerzgesellschaften", so der EFIC-Präsident. „Patienten für die Cannabinoide eine therapeutisch sinnvolle Option sind, dürfen keinesfalls unterversorgt bzw. bei der Suche nach einer medizinisch sinnvollen Cannabinoid-Therapie in die Illegalität getrieben werden."

    Keine Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit sieht Kress in der gelegentlich geforderten Freigabe der „Selbstversorgung" mit Cannabis, auch zu medizinischen Zwecken, da dieses fast immer aus illegalen Quellen stamme. Schwer kranke Menschen würden so zum Kontakt mit dem Schwarzmarkt gezwungen und durch eine zum Teil extrem mangelhafte Qualität dieser nicht standardisierten Cannabiszubereitungen zusätzlich gefährdet. „Probleme des Konsums der Pflanze zu therapeutischen Zwecken, wie mikrobielle und chemische Verunreinigungen, der Mangel an Qualitätskontrolle und Dosierbarkeit können auch durch eine ‚medizinische Legalisierung' nicht gelöst werden", betonteKress. „Ferner gibt es keinen Beweis dafür, dass die Wirkung von Cannabis oder Marihuana besser wäre als die der hervorragenden Auswahl bereits verfügbarer therapeutischer Cannabinoid-Reinsubstanzen." (red)

     

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      Dronabinol wird aus der natürlichen Hanfpflanze gewonnen, Marinol wird synthetisch hergestellt.

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