Für Al Jazeera geht eine Ära zu Ende

Analyse22. September 2011, 14:59
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"Der Kaiser ist vom Thron gestürzt": Billiger wollten es manche arabische Medien nicht geben, als sie am Dienstag den Rücktritt von Wadah Khanfar, seit 2003 Chef des TV-Kanals Al Jazeera und seit 2006 Generaldirektor des gesamten Networks mit allen seinen Auslegern, vermeldeten. Ob es denn ein ganz freiwilliger Abgang war, wie Khanfar es selbst darstellen wollte, und was es heißt, dass er durch ein Mitglied der katarischen Herrscherfamilie Al Thani ersetzt wurde, ist seitdem Anlass für Spekulationen.

Khanfar, 1966 in Jenin im Westjordanland geboren, hat sich vom „kleinen" Korrespondenten ins Jazeera-Chefbüro hinaufgearbeitet - und, nur als Beispiel, unter die vom Forbes Magazine erwählten „Mächtigsten Personen der Welt". Die Schmiere für seine schnelle Karriere waren die Kriege der USA in der Region: Er coverte Afghanistan nach 9/11 und war 2003 Jazeera-Bürochef in Bagdad. Dort ließ er sich in eine öffentliche Auseinandersetzung mit den US-Stellen ein, die er beschuldigte, nicht weniger gegen unabhängige Berichterstattung vorzugehen, als es seinerzeit Saddam Hussein getan hatte.

Gerade diese Widerständigkeit, dieses von Al Jazeera gepflegte Image als Herausforderer der US-Macht und des US-Narrativs im Nahen und Mittleren Osten, wurde jedoch kürzlich durch einen von Wikileaks veröffentlichten US-Botschaftsbericht in Frage gestellt. Demnach habe Khanfar nicht nur mit der Regierung von Katar eng zusammengearbeitet - what else is new? - sondern auch mit der amerikanischen Botschaft, und sogar in mindestens einem Fall die Berichterstattung nach einer US-Beschwerde geändert. Man könnte durchaus argumentieren, dass in diesem Fall Khanfar vielleicht einen Fehler, den Al Jazeera bei seiner Berichterstattung gemacht hatte, korrigierte - aber das wird ihm in der öffentlichen arabischen Meinung nichts mehr nützen, denn der Lack ist ab.

Die Enthüllung ist vor allem deshalb so brisant, weil Al Jazeera - und mit dem Sender das Regime des kleinen Golfstaats Katar - unter Verdacht steht, bei den arabischen Aufständen an vorderster Front mitzumischen, nicht nur als neutraler Berichterstatter, sondern als Partei, als Einpeitscher, etwa im Fall von Ägypten, Libyen - wo sich ja Katar im Kampf gegen Gaddafi auch militärisch engagierte - und Syrien. Von Medienwissenschaftern wird der Einfluss von Al Jazeera auf die Bewegungen des „arabischen Frühlings" als wichtiger eingeschätzt als jener der sozialen Medien: Sind letztere Domäne einer jungen, modernen, gebildeten Schicht, so steht in jeder Wohnung ein Fernseher, auf dem Al Jazeera läuft. Wenn nun der Eindruck besteht, die wirklichen Hintermänner säßen in den USA, dann ist das schlecht für Al Jazeera - aber auch für die Protestbewegungen in der arabischen Welt. Und es stützt Behauptungen, etwa in Syrien, dass den Unruhen ja doch eine imperialistische Verschwörung zugrunde liegt. Das heißt: Revolution wird gefördert, wo es den USA und ihren Verbündeten in der Region passt. In Bahrain, wo hingegen befürchtet wird, dass mit der Schwächung des Königshauses der iranische Einfluss zunimmt, mussten die Aufständischen völlig vergeblich auf die mediale Unterstützung von Al Jazeera warten.

Khanfar, der keine Gründe für seinen Rücktritt angab, verweist darauf, dass bewusst immer nur dieser eine Wikileaks-Bericht zitiert wird, wo doch sein Name insgesamt 420 Mal vorkomme. Aber er hat wenige Verteidiger. Feinde hat er sich nämlich auch mit seinem „Muslimbruder-Hintergrund par excellence" gemacht, wie es die libanesische Zeitung Al-Akhbar am Dienstag ausdrückte. Immer wieder gab es Klagen darüber, dass er in seinem engeren Team vorwiegend Hardliner-Islamisten um sich scharen würde, und dies auch Auswirkungen auf die Linie des Kanals habe. Khanfar verteidigte sich stets damit - etwa gegen entsprechende Angriffe von Hafez al-Mirazi, damals Bürochef von Al Jazeera in Washington - dass Al Jazeera nur die Realität abbilde, in der es heute nun einmal mehr Islam im öffentlichen Leben gebe als früher. Seinem Hang zum Islamismus wurde auch zugeschrieben, dass er mit der Hamas im Gazastreifen sympathisierte - zu Lasten der Fatah und der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Es werden sich demnach einige Leute über seinen Abgang freuen - wobei das beim Fall mächtiger Leute wohl unausbleiblich ist. Sein Nachfolger Sheikh Ahmad Bin Jassem Bin Muhammad Al Thani war bisher Direktor von Katar Gas und hat keinen journalistischen Hintergrund. Mit dieser Bestellung scheint das katarische Herrscherhaus darauf zu verzichten, auch nur den Anschein zu wahren, Al Jazeera sei unabhängig. (derStandard.at, 22.9.2011)

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    Wadah Khanfar

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    Im Februar brannten in Hebron Puppen mit dem Antlitz von Khanfar.

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