Der Sog der letzten Welle

29. Mai 2003, 18:22
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Das Surf-Album "Summer Sun" des US-Trios Yo La Tengo widmet sich ausgiebigst atmosphärischem Pop im Zeichen der Welle

In Santa Cruz, an der kalifornischen Küste, steht etwas abseits der Badestrände ein Surfer-Denkmal. Die Statue zeigt einen seitengescheitelten jungen Mann, der mit beiden Händen hinter dem Rücken ein hoch über seinen Kopf reichendes Surfbrett hält. Die Brust raus, den Bauch rein steht er da. Stoisch. Den Kopf hoch erhoben richtet der steinerne Surfer seinen Blick gen Ozean. Am Sockel dieses Dings steht der Satz: "For all the surfers who have caught their last wave."

Das ist natürlich kitschig, aber im Sonnenuntergang neben diesem stummen Typen zu stehen und seinem Blick raus auf den Pazifik zu folgen, das hat schon was. Es zeigt, dass selbst Surfer - Fun, Fun, Fun - irgendwann ins Wasser beißen. Der Spaß, das wilde Leben, der ewige Sonnenschein - alles hat ein Ablaufdatum. Aus diesem Blickwinkel heraus scheint das neue Yo La Tengo-Album entwickelt worden zu sein. Summer Sun, ein Surf-Album. Doch bereits die Ambient-Studie Beach Party Tonight lässt vermuten, dass sich hier niemand an Jan & Dean oder den Beach Boys versucht. Das Trio aus Frank Sinatras Heimatort Hoboken in New Jersey spielt auf Summer Sun einmal mehr kongenial mit Stimmungsbildern.

Gegründet im Jahr des großen Bruders pflegte das Ehepaar Ira Kaplan und Georgia Hubley plus Bassisten die Tradition von Velvet Underground und den mächtigen Mission Of Burma. Entsprechend dröhnte die Gitarre, ebenso wie sich eine Vorliebe für simple Melodien und den klassischen Rocksong abzeichnete. 1990 erschien das viel beachtete Album Fakebook, das mit ausgesuchten Coverversionen - von John Cale bis zu Gene Clark - überzeugte. Rockige Sounds wurden darauf zugunsten einer stimmungsvollen Geschlossenheit, die dem introvertierten Gesang Kaplans gut stand, aufgegeben.

1997 überraschte Yo La Tengo mit I Can Hear The Heart Beating As One, auf dem man souverän Ästhetiken aus der elektronischen Musik adaptierte. Auf dem Folgealbum And Then Nothing Turned Itself Inside-Out gab man sich dunkelblauen Stimmungsbildern hin. Und zwar so sehr, dass den Hörer dabei vor lauter Schönheit schon einmal das Schwarz des Schlafs ereilen konnte. Auf Summer Sun besinnt man sich nun seiner Pop-Qualitäten. Atmosphärisch hingehauchte Lyrics werden vom Schlagzeug Hubleys und dem geradlinig vor sich hin wabbernden Bass James McNews angeschoben: Little Eyes heißt der Song und in seiner simpel anmutenden Finesse erinnert er tatsächlich an Kompositionen Brian Wilsons, dem wirren Genie der Beach Boys. Season Of The Shark frönt billiger Hartlauer Elektronik, während Georgia Vs Yo La Tengo mit schwellenden Keyboards psychedelischen Pop verbreitet.

Beendet wird die charmante Koketterie mit dem Thema Surfen schließlich mit einer erlesenen Coverversion: Das bittersüße Take Care von Big Star, zu dem Paul Niehaus von Lambchop die Steel Gitarre weinen lässt, erinnert an den ungehörten Ratschlag an einen Surfer: "Take care not to hurt yourself." Die nächste Welle könnte deine letzte sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.5.2003)

Von Karl Fluch
  • Yo La TengoSummer Sun (Matador/Musica)
    foto: matador/musica

    Yo La Tengo
    Summer Sun
    (Matador/Musica)

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