Katastrophale Symbolik

18. September 2011, 19:26
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"Die große Chance": Egal, ob der Mundharmonikaspieler als brauner Provokateur oder als unwissender Tollpatsch auftrat

Es war ein Kampflied der SA und die Hymne der NSDAP: das sogenannte Horst-Wessel-Lied. Der Namensgeber dichtete Zeilen wie "Die Straße frei den braunen Bataillonen" und "Es schau'n aufs Hakenkreuz voll Hoffnung schon Millionen".

Dass die Melodie des Horst-Wessel-Liedes am Freitag unerkannt von den Sendungsverantwortlichen in der ORF-Show "Die große Chance" von einem 68Jährigen gespielt wurde, bedeutet nicht nur eine grauenhafte Optik für die öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt. Egal, ob der Mundharmonikaspieler als brauner Provokateur oder als unwissender Tollpatsch auftrat: Die katastrophale Symbolik des Vorfalls zementiert das Bild einer Gesellschaft, die mit ihrer Geschichte längst nicht im Reinen ist. Der Schatten der Naziherrschaft wird noch lange als gesellschaftliches und realpolitisches Phänomen greifbar sein.

Zuseher, die das "Niemals vergessen" ernster nahmen als die ORF-Redaktion, protestierten bei der Sendeanstalt. Beim ORF selbst ist man schuldbewusst: "Das hätte nicht passieren dürfen", erklärt Sprecher Martin Biedermann. Es gebe zwar offensichtlich tatsächlich ein älteres Lied namens "Es wollt' ein Mann in seine Heimat reisen", wie der Kandidat das Lied vorstellte. "Der Redaktion hätte aber auffallen müssen, dass die Melodie mit jener des Horst-Wessel-Liedes ident ist." Der ORF schnitt die Passage aus der Aufzeichnung, in der Nachtwiederholung der Großen Chance kam sie nicht mehr vor. Auch in der TVThek ist die bereinigte Fassung abzurufen.

Das Horst-Wessel-Lied fällt unter das Verbotsgesetz. Der ORF prüft rechtliche Aspekte. Ob mit dem Spielen der Melodie ein Tatbestand nach dem Verbotsgesetz vorliegt, soll bis Montag geklärt sein. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 19.9.2011)

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